Schon die Wahl des Werks ist ein Statement

Kultur / 01.07.2022 • 19:07 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Szene aus „Die Teufel von Loudun“ mit Ulrich Ress, Martin Winkler und Ausrine Stundyte. oper/Hoesl
Szene aus „Die Teufel von Loudun“ mit Ulrich Ress, Martin Winkler und Ausrine Stundyte. oper/Hoesl

Keine Angst vor harten Bandagen: „Die Teufel von Loudun“ bei den Münchner Opernfestspielen.

München Wer die jüngste Inszenierung von Alban Bergs „Wozzeck“ an der Wiener Staatsoper gesehen hat, entdeckt viel Ähnliches, wenn sich der Regisseur und Filmemacher Simon Stone nun Krzysztof Pendereckis Oper „Die Teufel von Loudun“ annimmt. Da ist einmal das sich ständig drehende Podium, auf dem Bühnenbildner Bob Cousins nun nicht in die verschiedenen Zimmer einer biederen Wohnung, in die Stube des Hauptmanns oder in die Praxis eines Arztes blicken lässt, sondern in die verschiedenen Räume einer Kirche und eines Klosters. Die Architektur des Brutalismus tut ihr Übriges, um sie nicht so sehr als Orte der Andacht, sondern der Kälte, der Macht oder des Schreckens auszumachen. Wer anerkennt, dass Stone mit dieser Idee ein musiktheatralisches Werk buchstäblich am Laufen hält, bemerkt aber auch weitere Parallelen, die dann doch nicht nur Regieeinfälle sind, sondern an denen sich der Künstler ob ihrer Grausigkeit festgebissen hat. Während dem armen Wozzeck, der sich aus Geldnot für medizinische Versuche zur Verfügung stellt, eine grobe Darmspülung verabreicht wird, kommt ein ähnlicher Schlauch mit ähnlich großen Gesten bei der Teufelsaustreibung zum Einsatz, die die Priorin Jeanne über sich ergehen lassen muss.

Stringent

Damit sei gleich einmal klargestellt, dass sich Krzysztof Penderecki beim Griff zum Werk von Aldous Huxley, das seiner 1969 uraufgeführten Oper zugrunde liegt, harte Bandagen vornahm. Die Geschichte führt ins 17. Jahrhundert in die Kirche von Sainte Croix in Loudun, wo einem Priester der Hexenprozess gemacht wurde – mit dem Finale auf dem Scheiterhaufen. Waren damals die von Kardinal Richelieu ausgehenden Intrigen zur Verteidigung der Macht im Spiel, so spiegelt Simon Stone Abläufe wie sie auch Arthur Miller in der „Hexenjagd“ schildert, mit den Repressionen eines totalitären Regimes in der Gegenwart bzw. des 20. Jahrhunderts. Schonung gibt es keine, von der Sexual- und Frauenfeindlichkeit der Kirche bis zu Fragwürdigem aus der katholischen Glaubenslehre und dem Aufzeigen eines Ausweges mit dem Verweis auf die Femen-Aktivistinnen lassen Penderecki und Stone nichts aus und die Bayerische Staatsoper lässt zur Eröffnung ihrer Festspiele viel Horror zu, der angesichts der Folterszenen einigen Besuchern zu viel wurde. Das Werk in einer Zeit anzusetzen, in der jedem bewusst werden muss, dass die Demokratie in Europa keine Selbstverständlichkeit ist und deren Unterwanderung längst begonnen hat, ist auch ein Statement. Sieht man über die erwähnten Schlauchszenen und mitunter banal zur Schau gestellter Libido hinweg, so sind die Massen- und Einzelaufritte so stringent ineinander verwoben, dass das Premierenpublikum auch das Regieteam bejubelte.

Energetisch

Den Sängerinnen und Sängern gilt der Applaus sowieso. Ausrine Stundyte (Jeanne) bekundet, dass es sich für Penderecki lohnt, das Sopranrepertoire auszureizen und die Premiere konnte nach der Erkrankung von Wolfgang Koch ohnehin nur durch den Einsatz von Jordan Shanahan gerettet werden. Der Bariton hat die Partie in wenigen Tagen einstudiert und sang im Orchestergraben während der Schauspieler Robert Dölle auf der Bühne auch die Sprechpartien übernahm. Mit absoluten Profis klappt das. Unter ihnen fixierte man die starken Auftritte von Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Kommissär des Königs und einen als Barré mit verwegener Energie agierenden Martin Winkler. Es liegt Jahre zurück, dass man den Vorarlberger bei den Bregenzer Festspielen erlebt hat. Mittlerweile tritt er oft an der Wiener Volksoper auf. Vladimir Jurowski formt mit dem groß und mit viel Percussion besetzten Orchester spannungsreiche, geradezu unheimliche Klangbilder, die ganz selbstverständlich zurückweichen, wenn den Stimmen Raum zu geben ist. Perfekt!

Simon Stone hat wieder in einem Drehbühnenbild von Bob Cousins inszeniert.
Simon Stone hat wieder in einem Drehbühnenbild von Bob Cousins inszeniert.

Nächste Aufführung von “Die Teufel von Loudun” am 7. Juli an der Bayerischen Staatsoper in München sowie weitere Termine: staatsoper.de