Kammerchor beeindruckte nach Zwangspause

Kultur / 04.07.2022 • 18:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Über zwei Jahre lang hatte die Coronapandemie Aktivitäten des Bregenzer Kammerchores verhindert. <span class="copyright">JU</span>
Über zwei Jahre lang hatte die Coronapandemie Aktivitäten des Bregenzer Kammerchores verhindert. JU

Der Bregenzer Kammerchor wagte einen spannenden Neustart.

SCHWARZACH Über zwei Jahre lang hatte die Coronapandemie Aktivitäten des Bregenzer Kammerchores verhindert, bis sich die renommierte Chorvereinigung am Sonntag endlich wieder live ihren Freunden in einem Konzert präsentieren durfte.

Doch gab es auch da kurz zuvor noch eine Schrecksekunde zu überwinden, die die Verantwortlichen tagelang in Atem hielt. Hubert Herburger, der diesen Chor vor 35 Jahren gegründet hatte und ihn bis heute leitet, war Corona-positiv getestet worden. Ein Dirigentenwechsel oder gar eine Absage standen im Raum, bis am Freitag die erlösende Nachricht kam: Herburger war freigetestet.

Der 27-köpfigen Chorgemeinschaft und ihrem Leiter ist am Sonntagabend in der gut besuchten Pfarrkirche St. Sebastian, wo sie über Einladung der Kulturinitiative Schwarzach gastieren, nichts von der eben überstandenen Stresssituation anzumerken. Das klar strukturierte Programm stellt in je drei Blöcken A-Cappella-Chormusik aus Barock, Moderne und Romantik und Orgelwerke dieser Stilbereiche unmittelbar gegenüber, wodurch sich für die Zuhörer eine große Dynamik zwischen diesen Spannungsfeldern ergibt. An der Rieger-Orgel sorgt die 24-jährige Bludenzerin Barbara Salomon, unerreicht unter den jungen Organisten der letzten Jahre in Vorarlberg und derzeit an der Wiener Musikuni bei Jeremy Joseph im Masterstudium, für aufregende Momente.

Einer davon ist Bachs 15-minütige gewaltige Toccata, Adagio und Fuge C-Dur, mit dem sie einen umwerfenden Opener setzt. Sie bewältigt das anspruchsvolle Werk nicht nur technisch einwandfrei, sondern transportiert auch dessen tiefen geistigen Gehalt im Sinne Bachs in großer Überlegenheit und Reife. Der Bregenzer Kammerchor dagegen will nicht gleich in die Gänge kommen, es ist nicht mehr derselbe wie vor der Pandemie. Eine halbjährige Unterbrechung des regelmäßigen Probenbetriebes und der Austritt einiger Mitglieder haben ihre Spuren hinterlassen. Die komplexe fünfstimmige Schütz-Motette „Die mit Tränen säen“ etwa steht in Intonation, Ausdruck und Klangvolumen manchmal auf etwas wackeligen Beinen, nicht mehr so bombensicher wie gewohnt. Doch Hubert Herburger bringt dank seiner Erfahrung zusammen mit seinen routinierten Vokalisten dieses Werk zu einem guten Ende. Ein Stück Arbeit wird es noch brauchen, bis man wieder ins alte Fahrwasser, die rechte Spur des Erfolges zurückfindet.  

Große Eindringlichkeit

Dagegen stellt der Anteil von nur einem Drittel Männerstimmen kein Problem dar, das wird in der Balance gut kompensiert. Speziell für diese Situation mit einem Frauenüberhang hat der Dornbirner Komponist Thomas Thurnher sein Stück „Mit neuen Bildern“ fünfstimmig konzipiert. Mit seinem oft bewiesenen Gespür für gehaltvolle Chorvertonungen hat er einen Text von Georg Bydlinksi in ein melodiöses, gläubig verhaltenes Werk von großer Eindringlichkeit gekleidet, das bei der Uraufführung mit seiner gut verständlichen, vielfach tonalen Sprache niemanden verschreckt und bei den Chorsängern ebenso gut ankommt wie bei den Zuhörern. Der Chor aber wächst im Laufe des Abends zunehmend an seinen Aufgaben, gewinnt viel von der alten Sicherheit und Überlegenheit zurück, vor allem vertonte Gebete in oft fast volksliedhaften Sätzen erbringen schön ausgewogene, klanglich abgerundete Eindrücke.

Auch Barbara Salomon hat Weiteres aus der Moderne im Köcher, so ein Stück des tief gläubigen französischen Orgelkomponisten Olivier Messiaen aus seiner „Himmelfahrt“. Es ist erstaunlich, wie sie die dafür typischen verschleierten Schwebeklänge aus dieser Barockorgel hervorzaubert und das Werk damit zu einem meditativen Ruhepunkt im Programm macht. Ein einziges Mal verbinden sich Organistin und Chor an diesem Abend, auch über die große Distanz hinweg, zu einem gemeinsamen Auftritt und kehren mit der innigen Motette „Jesus bleibet meine Freude“ zum Großmeister der Orgelmusik zurück – Johann Sebastian Bach. Und für den Chor bleibt das Wichtigste: Es wird wieder gesungen, und die Begeisterung ist allseits groß! Fritz Jurmann

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