Das war die erste Opernpremiere der diesjährigen Festspielsaison

Kultur / 09.07.2022 • 08:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Regisseurin Brigitte Fassbaender verlegt Rossinis „Die Italienerin in Algier“ auf eine Jacht und vertreibt die Klischees mit vielen humorvollen und ironischen Einfällen.  <span class="copyright">bf/Karl Forster</span>
Regisseurin Brigitte Fassbaender verlegt Rossinis „Die Italienerin in Algier“ auf eine Jacht und vertreibt die Klischees mit vielen humorvollen und ironischen Einfällen.  bf/Karl Forster

Junge Sängerinnen und Sänger treiben einer Rossini-Oper die Librettopeinlichkeiten aus.

bregenz Sind denn schon Festspiele? Wer sich am Freitagabend im Kornmarkttheater befand, für den ist die Antwort klar. Den Starttermin nehmen die Bregenzer Festspiele schon länger nicht mehr so genau. Wozu auch? Zu Ostern bescherte die Kooperation mit dem Wiener Burgtheater die Aufführung von Sartres „Geschlossene Gesellschaft“, jüngst präsentierte das Ensemble Die Schurken mit „Vergissmeinnicht“ ein weiteres dieser wunderbaren Projekte, mit denen die vier Vorarlberger den Wert der Musik erfahren lassen, und schon im Mai gab es mit „Die Zeitreisemaschine“ ein Familienstück, das mit dem Komponisten Gioachino Rossini als einem der Hauptakteure an sich bestens zur nunmehrigen Premiere passt. Man erinnere sich: „Die Italienerin in Algier“ wurde im Vorjahr zwar produziert, konnte aufgrund einer Covid-Erkrankung aber nicht aufgeführt werden, weshalb es in dieser Festspielsaison zwei Opernstudioproduktionen gibt, denn nach diesem heiteren Werk folgt mit Haydns „Armida“ die etwas härtere Gangart. Viel zu tun für das jeweils engagierte Symphonieorchester Vorarlberg, aber Überlastung war ihm bei der Premiere nicht anzumerken. Im Gegenteil, Maestro Jonathan Brandani vertritt – auch passend zum Bühnenbild – einen luftigen Rossini-Sound, bringt das der Partitur innewohnende Temperament sowie die Solisteneinsätze gut zur Wirkung, peitscht das Geschehen aber auch nicht durch. „Mit dieser Buffohandlung muss man klarkommen, mein Anliegen ist es, die Fantasie zu entwickeln“, erklärte Brigitte Fassbaender, die sich bereits mit einem ideenreichen „Barbier von Sevilla“ in die Festspielgeschichte einschrieb und den jungen Sängerinnen und Sängern des Opernstudios wertvolle Erfahrungen bot. 

Rossinis Melodien verleiten zu tänzerischen Aspekten. <span class="copyright">BF/Forster</span>
Rossinis Melodien verleiten zu tänzerischen Aspekten. BF/Forster

Die 1813 uraufgeführte „Italienerin in Algier“ hat weniger Tiefgang und ist auch deshalb besonders herausfordernd. Von einem Bey erzählen zu müssen, der eine Ausländerin kidnappen lässt, weil er sich nicht nur mit seiner Ehefrau Elvira, sondern auch mit dem ihm zur Verfügung stehenden Harem langweilt, mag einem die Nackenhaare aufstellen. Fassbaender umgeht die Culture-Clash-Thematik, in dem sie den Bey auf eine Jacht verpflanzt, wo er umgeben von Paparazzi mehr bedienter Snob als mächtiger Herrscher ist, und stellt ihm mit Isabella eine Lady gegenüber, der ein dekadenter Lebensstil nicht fremd ist. Die verschmähte Elvira braucht nur zu lernen, dass Ausschweifungen auch Genuss bereiten können, und schon sind die Dinge wieder im Lot. Die zwei Stunden dazwischen entsprechen einer vergnüglichen Schifffahrt. Ausstatter Dietrich von Grebmer hat auch das Proszenium mit Bullaugen versehen, die Reling reicht in den Zuschauerraum, man fühlt sich mitgenommen, purzelt von einer bunten Szene in die nächste, begegnet mit Haly dem Piratenfürsten eines bekannten Kinohits mit Johnny Depp und einer Reihe von Musikrevuematrosen, denen Rosita Steinhauser eine schwungvolle Chorus Line beigebracht hat. Wenn sich alles dreht, wenn alle Szenen ineinander verzahnt sind und dazwischen Charaktereigenschaften wie Gefühlsregungen und Ironie aufleuchten oder akzentuiert werden, dann formt sich wie hier ein Bild, das mitreißt, das nahezu jede Librettopeinlichkeit eliminiert, das berührt und entführt. Dass der Buchstabentanz aus der „Barbier“-Inszenierung eine Wiederbelebung erfährt, nimmt man belustigt wahr, dass die Darstellerinnen und Darsteller einfache Gesten unterlassen, zeugt von konsequenter Arbeit.

Für Maria Barakova ist die Isabella eine Traumpartie - gesanglich wie darstellerisch.<span class="copyright">BF/Forster</span>
Für Maria Barakova ist die Isabella eine Traumpartie - gesanglich wie darstellerisch.BF/Forster

Im Gesang zeigt sie sich sowieso, wobei mit der russischen Mezzosopranistin Maria Barakova einer Isabella zu begegnen ist, die die Koloraturen mit großer Lockerheit artikuliert und mit dem kanadischen Tenor Spencer Britten ein Lindoro nach ihr schmachtet, der der verinnerlichten Rossini-Partie ein großes Gefühlsspektrum verleiht. Vom Gesanglichen betrachtet, dürfte es schwer sein, von Alberto Comes (Mustafa) zu lassen, beweist er mit seinem zur Rolle durchaus passenden, knalligen Bariton doch mehr Beweglichkeit als mit seinem Lebensentwurf. Sarah Yang (Elvira) bringt ihren Sopran immer wieder sehr gut zum Leuchten, und Ekaterina Chayka-Rubinstein (Zulma) ergänzt dieses hohe Level souverän. Seine enorm fordernde Partie meistert Hubert Kowalczyk (Haly) mit ebenso viel Komik wie Pierpaolo Martello, ein markanter Taddeo. Der auf Männerstimmen verkleinerte Chor ist exakt, elegant und so erheiternd wie das chillige Möwengezwitscher. Der überschäumende Applauscocktail hat es bestätigt.

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BF/Forster

Weitere Aufführungen am 10. und 12. Juli , 19.30 Uhr, im Theater am Kornmarkt in Bregenz. Nächste Opernstudiopremiere: “Armida” von Haydn am 15. August.

Gut gesetzte Komik macht das strapazierende Finale zum Opernspaß. <span class="copyright">BF/Forster</span>
Gut gesetzte Komik macht das strapazierende Finale zum Opernspaß. BF/Forster
Drei schmachtende Männer und eine starke Frau - auch das ist Rossinis "Die Italienerin in Algier". <span class="copyright">BF/Forster</span>
Drei schmachtende Männer und eine starke Frau - auch das ist Rossinis "Die Italienerin in Algier". BF/Forster

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