Festspielpublikum feierte neue Variante von Shakespeares “Der Sturm”

Kultur / 24.07.2022 • 15:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Szene aus der Neuinszenierung von "Der Sturm": Jakob Nolte lieferte eine neue Übersetzung, die sich an den Text von Shakespeare hält. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Szene aus der Neuinszenierung von "Der Sturm": Jakob Nolte lieferte eine neue Übersetzung, die sich an den Text von Shakespeare hält. VN/Paulitsch

Nicht stürmisch, aber genau: So setzen die Bregenzer Festspiele die Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin fort.

Bregenz Wer nach vertrauten Shakespeare-Zitaten giert, bekommt sie in den rockigen Songs geliefert. Damit das Publikum nicht strauchelt, läuft die deutsche Übersetzung von „Hell is empty. And all the devils are here“ auf dem Spruchband über der Bühne im Theater am Kornmarkt. Dem „Die Hölle ist leer, alle Teufel sind hier“ folgt etwa noch „Es ist mehr Würde in großmütiger Vergebung als in Rache“.  Ansonsten wird in der Aufführung von Shakespeares „Der Sturm“ Schluss gemacht mit der Möglichkeit zur genüsslichen Überprüfung der Beherrschung des Bildungskanons. Hier ist vieles anders.

Nach "Don Quijote" und "Michael Kohlhaas" fand mit "Der Sturm" nun eine weitere Premiere einer Produktion des Deutschen Theaters Berlin in Bregenz statt. <span class="copyright">BF/Forster</span>
Nach "Don Quijote" und "Michael Kohlhaas" fand mit "Der Sturm" nun eine weitere Premiere einer Produktion des Deutschen Theaters Berlin in Bregenz statt. BF/Forster

Jan Bosse trägt in der Neuinszenierung des 1611 uraufgeführten, mit mehreren Geistern bestückten Klassikers um Macht, Machtmissbrauch, Verrat, Unterwerfung, Verblendung und Demaskierung auch keine der bekannten Botschaften konkret vor sich her. Die Verwendung der Magie, also die Zauberkraft, die Prospero, dem ausgesetzten, auf eine Insel verbannten Anwärter auf einen Thron, verhelfen soll, seine Rehabilitierung einzuleiten, betont die Mittel des Theaters. Damit der eigentliche Ort, nämlich die Bühne, eine adäquate Sprache erhält, kam der deutsche Schriftsteller Jakob Nolte ins Spiel. Er hat für das Deutsche Theater Berlin bereits eine Bühnenfassung von „Don Quijote“ nach Miguel de Cervantes geschaffen und dabei eine hochspannende, mit vielschichtigem Witz durchzogene Essenz aus der Romanübersetzung von Susanne Lange filtriert. Das Publikum konnte sich vor drei Jahren in Bregenz davon überzeugen. Damals erfolgte der Neustart der Kooperation mit der Berliner Bühne.

Neuübersetzung

Dieses Mal lieferte Nolte eine Neuübersetzung, beschäftigte sich mit der ersten Folioausgabe von Shakespeares Werken, schuf keine Neudichtung entsprechend des Wort- oder Satzsinnes, sondern fand Gefallen am Original. „Zu de meisten von Männern dies ist ein Caliban. Und sie zu ihm sind Engel“, erklärt Prospero somit seiner Tochter Miranda, was er von Ferdinand hält. Am Ende kriegen sich die beiden natürlich, widersprechen nicht weiteren Belehrungen des Vaters, sondern nehmen sie in der Haltung gelangweilter, verwöhnter Teenager entgegen.

In solchen kleinen Szenen bündeln sich der Witz und die Kraft dieser Produktion, mit deren eigentümlicher Sprache man beim Zuhören in der Tat nach zehn bis fünfzehn Minuten zurechtkommt. Prospero, der sich die Bewohner der Insel gefügig macht, steht nicht so sehr im Zentrum, wie sonst oft zu sehen. Schon die Bühnenkonstellation von Stéphane Laimé mit den vom Schnürboden hängenden Seilen, die beim Schaukeln, Klettern und Verheddern mit den pointiert bunten Kostümen von Kathrin Plath tolle Bilder formen, gibt den Caliban-Trinculo-Szenen genauso viel Raum. Wenn Prospero dann mit einem verstärkten Seil herumläuft und keinen entsprechenden Ort findet, um es festzumachen, hat er dasselbe Problem wie alle diese Suchenden auf dieser Bühne. Hier, gespielt von Wolfram Koch mit toller Fähigkeit, bei aller Macht auf Distanz zu bleiben, trachtet er schließlich nach weiteren Betätigungsfeldern und verlässt die Bühne in Richtung Bregenzer Nacht.    

Seile, die vom Schnürboden hängen, bilden weitere, aufschlussreiche Spielflächen. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Seile, die vom Schnürboden hängen, bilden weitere, aufschlussreiche Spielflächen. VN/Paulitsch

Wenn Lorena Handschin singend und spielend als Ariel aufbraust, wenn sich Julia Windischbauer als Caliban und Antonio zu verbiegen hat, wenn Linn Reusse und Jeremy Mockridge als Miranda und Ferdinand das Tempo so fantasievoll drosseln, wenn Blödeleien wie jene mit dem wasserspritzenden Seil pfiffig aufleuchten und wenn sich daneben Gier fast naiv entlarvt, entsteht der Eindruck, dass diese „Sturm“-Variante das Hereinwehen demokratischer Verhältnisse mit sich bringt. Der genaue Blick auf einen in der Feudalzeit entstandenen Text nützt somit nicht nur dem enormen Spaß, den die Produktion offeriert, deren Drive die Live-Musik von Carolina Bigge ausbalanciert. Das Premierenpublikum hat alle gefeiert.

Die Live-Musik von Caroline Bigge ist eine echte Bereicherung. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Die Live-Musik von Caroline Bigge ist eine echte Bereicherung. VN/Paulitsch

Weitere Aufführungen von „Der Sturm“ im Rahmen der Bregenzer Festspiele am 25. und 26. Juli, jeweils 19.30 Uhr, im Theater am Kornmarkt.

Der genaue Blick auf einen in der Feudalzeit entstandenen Text lässt den Eindruck entstehen, dass diese „Sturm“-Variante das Hereinwehen demokratischer Verhältnisse mit sich bringt. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Der genaue Blick auf einen in der Feudalzeit entstandenen Text lässt den Eindruck entstehen, dass diese „Sturm“-Variante das Hereinwehen demokratischer Verhältnisse mit sich bringt. VN/Paulitsch

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