Viel Applaus für neue Musik

Kultur / 26.07.2022 • 19:02 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Mit Power und Know-how ausgestattet, tritt Mazzola zum ersten Orchesterkonzert an. Bregenzer Festspiele/Mathis
Mit Power und Know-how ausgestattet, tritt Mazzola zum ersten Orchesterkonzert an. Bregenzer Festspiele/Mathis

Das Festspielpublikum feiert mit großer Offenheit Mazzola und seine Wiener Symphoniker.

BREGENZ Das war am Montag ein Abend der positiven Überraschungen, dieses erste Orchesterkonzert der Wiener Symphoniker bei den Festspielen. Wo sonst, bitteschön, gelingt einem Orchester am bislang heißesten Tag dieses Sommers bei Außentemperaturen von 36,5 Grad ein so glänzender Konzertabend ohne alle Einbußen, kaum dass Eröffnung und die beiden Premieren am See und im Haus glänzend bewältigt wurden? Wo sonst spielt ein Orchester so leise, dass man dabei sogar im Saal den Gewitterregen auf das Dach des Festspielhauses prasseln hört? Und wo sonst als in Bregenz ist ein Festspielpublikum so gewachsen in seiner Akzeptanz und neuen Offenheit, dass es auch dieses Programm mit großteils neuer und neuester Musik lautstark bejubelt?

Frisch geadelter Sir

Zum Maß aller Dinge wird in solchen Fällen der 54-jährige italienische Dirigent Enrique Mazzola, der seit 2016 zu einer Art Erfolgsgarant in Bregenz geworden ist. Die Festspiele haben ihm deshalb vor Kurzem den neuen Titel eines „Conductor in Residence“ verliehen. So steht Sir Enrique diesmal auch mit dem ganzen Gewicht und Selbstbewusstsein eines frisch Geadelten am Pult, drahtig und impulsiv, mit dem ihm eigenen Charisma, seiner stylischen Rotrand-Brille und den knallroten Schnürsenkeln auch ein origineller Hingucker. Auch die Wiener Symphoniker finden als langjährig enge Vertraute bei ihm zumindest vorübergehend Zuflucht in einer Zeit, da ihnen ihr Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada unversehens wieder abhanden gekommen ist.

Großes Kino im Kopf

Solcherart mit Power und Know-how ausgestattet, tritt Mazzola auch zum ersten Orchesterkonzert an, das wie meist einen Spiegel der großen (Musik-)Theaterproduktionen dieses Sommers bildet, einen hochkarätigen Reader’s Digest wertvoller Bezüge und Parallelen zum besseren Verständnis für die Zuhörer. Diesmal werden in spezieller Ausdeutung eine Schauspiel-Produktion und die beiden Opern am See und im Haus hinterfragt. In seiner 1873 entstandenen Orchesterfantasie f-Moll bezieht sich Tschaikowsky auf das Schauspiel „Der Sturm“ des von ihm verehrten Dichters William Shakespeare. Mazzola spornt seine Musiker mit großen Gesten und feinem Klangsinn an, entwirft in gewaltigen Bildern tonmalerische Schilderungen des Meeres, des Sturms und das Zerschellen des Schiffs an einem Riff der Zauberinsel – das ist großes Kino im Kopf, auch ohne Leinwand von enormer Wirkkraft.

Was ist ein Koto? Diese Wölbbrettzither mit 13 Saiten aus der traditionellen japanischen Volksmusik muss in einem Jahr mit Puccinis „Madame Butterfly“ am See auch als Konzertinstrument herhalten, in einem Konzert der anwesenden Komponistin Malika Kishino. Die zierliche Naoko Kikuchi beweist auf zweien dieser Kotos ihre Gewandtheit in gezupften und gestrichenen Klangkaskaden, in schwebender Stimmung und der charakteristischen Pentatonik. Ein schlagkräftiges Kammerensemble der Symphoniker geht mit diesem mikrotonalen Werk, das nicht sein Kernrepertoire betrifft, durchaus kompetent um.

Zwiespältiges Verhältnis zu Stalin

Nach dieser exotischen Einlage stellt die 1953 uraufgeführte Symphonie Nr. 10 in e-Moll von Schostakowitsch, dessen unmittelbare Vorfahren aus Sibirien stammen, die gedankliche Verbindung zur heurigen Hausoper von Giordano her. Diese persönlichste Symphonie des Komponisten, die er bewusst auch mit seinem musikalischen Monogramm versehen hat, ist eine beklemmende Abrechnung mit dem kurz zuvor verstorbenen Machthaber Stalin, mit dem ihn ein absolut zwiespältiges Verhältnis zwischen Maßregelung und Verherrlichung durch den Diktator verbunden hatte. Entsprechend findet man in diesem breit angelegten Manifest der Freiheitsliebe Momente des scharfkantigen Kriegsgeschehens, aber auch der Trauer und des Schmerzes in einem kaum noch hörbaren Pianissimo. Erst am Schluss verschafft sich der persönliche Triumph den Durchbruch. Ein vorzüglich gelungenes Orchesterporträt, das der Dirigent mit seinen Musikern im Tutti wie in vielen überzeugenden Solopassagen leuchtend in allen Farbschattierungen zwischen Brutalität, Sarkasmus und Zartheit in den Saal setzt. Wie benommen von so viel orchestraler Urgewalt findet das Publikum erst langsam zum verdienten Jubel für den strahlenden Feldherrn Enrique Mazzola und seine hoch motivierten Truppen.

Nächstes Orchesterkonzert der Wiener Symphoniker: 31. Juli, 11Uhr, Festspielhaus – Beethoven, 3. Aufzug aus Wagners „Siegfried“