Auf Tauchgang mit Nemo

Kultur / 28.07.2022 • 16:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Oper handelt von zwei Buben im ländlichen Schweden, die bei ihrer Geburt vertauscht wurden. <span class="copyright">VN/Rhomberg</span>
Die Oper handelt von zwei Buben im ländlichen Schweden, die bei ihrer Geburt vertauscht wurden. VN/Rhomberg

Mit „Kapitän Nemos Bibliothek“ tauchte man bei den Festspielen mit Premieren-Applaus auf.

Bregenz Kapitän Nemo kennt man. 20.000 Meilen unter dem Meer, Jules Verne und so weiter. Aber keine Angst, Neoprenanzug und Sauerstoff-Flasche brauchte es bei der jüngsten Festspielpremiere auf der Bregenzer Werkstattbühne nicht.

Auch wenn man mit der Oper „Kapitän Nemos Bibliothek“ durchaus abtauchte. Denn es geht hier um Geschichten, die tief unten am Meeresboden, der auch der Abgrund der Seele sein könnte, in Kapitän Nemos verschollener Bibliothek schlummern. Es sind Geschichten, die dem namenlosen Erzähler in einer fiktiven Parallelwelt zum Rettungsanker werden.

Damit ist der Strudel, in den man mit dieser Oper gezogen wird, grob umrissen. Denn die Oper, der der Komponist Johannes Kalitzke – im Auftrag der Bregenzer Festspiele und der Schwetzinger SWR Festspiele – gemeinsam mit der Librettistin Julia Hochstenbach Leben eingehaucht hat, ist mehr als nur vieldeutig.

Die Basis bildet ein Roman des schwedischen Autors Per Olov Enquist. Schauplatz ist ein ärmliches, aber ruhiges Dorf. Bis der Pastor verkündet, dass die Söhne zweier Mütter bei der Geburt vertauscht wurden. Jetzt werde zurückgetauscht und alles sei gut. Nur gut wird durch den Tausch nichts. Viel mehr treibt er alle in Unglück, Verzweiflung und Wahnsinn.

Mit „Kapitän Nemos Bibliothek“ haben die Bregenzer Festspiele auf der ausverkauften Werkstattbühne eine Österreich-Premiere gefeiert.
Mit „Kapitän Nemos Bibliothek“ haben die Bregenzer Festspiele auf der ausverkauften Werkstattbühne eine Österreich-Premiere gefeiert.

Die Frage, die Johannes Kalitzke musikalisch und Christoph Werner mit seiner Inszenierung stellen, ist die nach dem Sein an sich. Wer ist man, wenn man nicht ist, wer man war? Kalitzkes Musik ist dementsprechend Dramatik pur, umgesetzt von einem hoch fokussierten und auf den Schlag perfekten Ensemble Modern. Mit Noa Frenkel, Rinnat Moriah und Reuben Willcox hat dieses Werk ein Sänger-Ensemble gefunden, das ihm auch gerecht werden kann. Denn die Anforderungen sind hoch. Iurii Iushkevich (der namenlose Erzähler), Johanna Zimmer (der zweite Junge) und Noa Frenkel (die man als die beiden Mütter erleben darf), müssen eigens erwähnt werden. An ihnen zeigt sich nicht nur gesanglich die Qualität dieser zeitgenössischen Oper, sondern auch, wie breit sich das Thema der Identität auffächert. Die Figuren verschwimmen ineinander, niemand ist gut, niemand böse, alles ist gleichzeitig. Unterstützt wird das durch das Motiv der Verdoppelung. Denn die Jungen gibt es tatsächlich zweifach – als Figuren und als Puppen. Großes Kompliment an dieser Stelle übrigens an das Puppenspiel von Ines Heinrich-Frank, Franziska Rattay, Lars Frank und Nico Parisius.

Und der Schlüssel zu diesem Stück zeitgenössischer Kunst? Der findet sich ein Stück weit schon im namensgebenden Kapitän Nemo. Denn „nemo“ trägt das „niemand“ in sich. Wie kann man (über)leben als „niemand“ und kann die Kunst Brücken über die Bruchstellen unserer Zeit bauen? Das sind die Fragen, mit denen Johannes Kalitzke und sein Team das Festspielpublikum in den Abend entließen. Natürlich erst nach einem sehr kräftigen und angesichts der Qualität und des Gesamtkonzepts mehr als verdienten Applaus.  Veronika Fehle

Die Oper „Kapitän Nemos Bibliothek“ ist noch am Freitag, 20 Uhr, auf der Werkstattbühne im Bregenzer Festspielhaus zu sehen. Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause. www.bregenzerfestspiele.com