Gerald Matt

Kommentar

Gerald Matt

Antisemitisch und kunstfeindlich

Kultur / 29.07.2022 • 07:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Was befürchtet wurde, ist leider mehr als wahr geworden. Die documenta 15 wurde zur Brutstätte des Antisemitismus im Land des Holocausts.

„Diese documenta ist nicht nur antisemitisch. Sie ist wissenschafts- und kunstfeindlich.

Das indonesische Kuratorenkollektiv Ruangrupa versuchte Antisemitismus in seiner neuesten Verkleidung – der Dämonisierung Israels unter postkolonialem Vorwand – eine geschützte Werkstatt anzubieten. Das mittlerweile entfernte Riesenbild der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi, das einen mit Schweinekopf dargestellten israelischen Soldaten darstellt, wurde zum Menetekel eines kulturpolitischen Skandals. Interessant, dass man das antisemitische Pamphlet, übrigens als Kunstwerk irrelevanter dilettantischer Agitprop, erst am Tage nach der Eröffnung enthüllte. Ein Schelm, wer da Absicht vermutet. Dachten die Kuratoren inklusive überforderter und mittlerweile entsorgter Generaldirektorin und ideologisch erblindetem Beirat vielleicht, das könnte nach den Debatten um Antisemitismus der documenta noch durchgehen. Israel, kolonialistisch-kapitalistischer Außenposten des Westens, das Böse schlechthin, so einfach ist die Welt. Aber Schwamm drüber, ein bisschen naiv entschuldigen und den Andere-Länder-andere-Sitten-Schmäh führen, und alles ist wieder gut.

Wo Antisemitismus (mehr als 8o Teilnehmer der documenta unterschrieben Israel-Boykotte), BDS, Opferlarmoyanz und Weltverschwörungstheorien grassieren, da dürfen auch Naturheilkunde und Esoterik nicht fehlen. Da schwadroniert das indonesische Kuratorenkolletiv im documenta-Handbuch im „Dialog mit dem hiesigen Ecosystem“, von einer Art „künstlerisch sozialer Akupunktur“. An anderer Stelle behauptet ein Künstler folgenden Unsinn: „Die Idee des Individuums ist bekanntlich erst vor 300 Jahren entstanden.”

Diese documenta ist nicht nur antisemitisch. Sie ist wissenschafts- und kunstfeindlich. Sie lehnt Individualität ab, verklärt kollektive Verantwortungslosigkeit, ist antirationalistisch und totalitär, legitimiert Unsinn und Esoterik, feiert mangelnde Bildung, Empathie und Ignoranz und ersetzt Kunst durch Sozialaktivismus. Die documenta 15 schadet der guten Kunst und guten Künstlern, die man auch in Kassel sehen kann. Zurecht hat sich die international renommierte Künstlerin Hito Steyerl von dieser documenta zurückgezogen.

Der Kunsttheoretiker Bazon Brock sieht die documenta und ihren Antisemitismus als Teil eines grassierenden Kulturalismus, der die Interessen von Kollektiven vor das westliche Prinzip der Kunst und Wissenschaftsfreiheit stellt: „Sie stärkt die Front des Kulturalismus, die aus Leuten wie Putin, Erdoğan und Xi besteht. Jede Form der Autorität durch individuelle Autorschaft wird von ihren Machern liquidiert.“ Diese documenta ist auch künstlerisch fragwürdig.

Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.