Die schönsten Geschichten schreibt das Leben

Kultur / 10.08.2022 • 18:19 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der Tagebuchslam zog wieder viele interessierte Gäste auf das Gelände. VN/Rhomberg
Der Tagebuchslam zog wieder viele interessierte Gäste auf das Gelände. VN/Rhomberg

Die Teilnehmerinnen des Tagebuchslams boten einen wahren Seelen-Striptease.

Feldkirch Liebes Tagebuch. So beginnen wohl die meisten der persönlichen Geschichten, die die vier Teilnehmerinnen beim Tagebuch­slam auf der Open-Air-Bühne des Poolbar-Festivals präsentierten. Sofa, Schirm und Zimmerpflanze verliehen dem Abend die passende gemütliche Atmosphäre, um den intimsten Erfahrungen und Peinlichkeiten der Vortragenden zu lauschen.

Zeitreise in die Jugend

Die Idee der Gründerin Diana Köhle ist simpel: Menschen jeder Altersklasse lesen aus ihren ehemaligen Tagebüchern vor und nehmen das Publikum so mit auf eine Zeitreise in ihre Jugend. Einzige Regel: Das Vorgelesene muss älter als fünf Jahre sein, da sonst nicht genügend Abstand zu den Geschehnissen bestünde, betont die Moderatorin auf der Slam-Bühne. Anschließend gibt es etwa zehn Minuten Zeit, um die Gäste mit den persönlichen Einträgen zu überzeugen. Die beiden Teilnehmerinnen, die mit dem lautesten Applaus belohnt werden, ziehen ins Finale und treten noch einmal mit weiteren Geschichten gegeneinander an. Auch der Moderatorin selbst rutschte manchmal ein Zitat aus ihrem eigenen Tagebuch heraus. So ließ Köhle die Zuhörenden auch an ihrem ersten Kuss und den damit verbundenen durchwachsenen Erfahrungen teilhaben. „Wir lachen nicht übereinander, sondern miteinander“, war es der Kunstschaffenden wichtig zu erwähnen. Die gebürtige Tirolerin hat außerdem eine Grundausbildung in Psychotherapie und der Slam helfe ihr, sich auszuleben: „Slam ist eine Form von Therapie für mich.“

Händchenhalten, Knutschen am Badesee und die erste Liebe gehören zum Erwachsenwerden dazu und werden darum auch im Tagebuch festgehalten. „Ich glaube, ich bin in ihn verliebt, bin mir aber nicht sicher“, las die Studentin Clarissa aus ihren Einträgen vor. Die Wahltirolerin überzeugte das Publikum außerdem mit ihren witzigen jugendlichen Unsicherheiten: „Ich habe mir meinen ersten BH gekauft und er sah sexy an mir aus. Ich werde ihn jetzt erst einmal nachts tragen.“ Mit ihrer sympathischen Art holt sie sich schließlich eindeutig den Sieg, in dem sie beim Publikum für den stärksten Beifall sorgte.

Auch die anderen drei Teilnehmerinnen aus Wien, Oberösterreich und Tirol boten dem Publikum beste Unterhaltung. Bei Zitaten wie „Liebes zukünftiges Ich. Ich hoffe, du hast auch Brüste, denn noch hast du keine“, war Bauchmuskelkater vorprogrammiert.

Zurückhaltendes Vorarlberg

Bei 261 veranstalteten Slams in ganz Österreich, 510 unterschiedlichen Kandidatinnen und Kandidaten und bereits acht Events in der Poolbar hatte die Organisatorin schon einiges gehört und erlebt. Sie konnte aber auch Erkenntnisse daraus schließen: „Desto weiter man in den Westen kommt, umso mehr wird im Dialekt geschrieben und umso gläubiger werden die Einträge“, ordnet Köhle die Vorarlbergerinnen und Vorarlberger ein. „Weil hier jeder jeden kennt, trauen sich die Menschen aus dem Westen nicht so gerne auf die Bühne.“ Besonders im Gedächtnis war ihr dazu ein Geständnis einer Vorarlbergerin geblieben, die ihre Verliebtheit in den Dorfpfarrer auf der Slam-Bühne offenbarte. VN-PIV