Komplex und erquickend: “Melencolia” bei den Festspielen

Kultur / 19.08.2022 • 10:10 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
„Melencolia“ ist ein Auftragswerk des Ensemble Modern und der Bregenzer Festspiele. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
„Melencolia“ ist ein Auftragswerk des Ensemble Modern und der Bregenzer Festspiele. Stiplovsek

Zur Uraufführung von „Melencolia“ von Brigitta Muntendorf und einem berühmten Bild von Dürer.

Bregenz Wir haben einen Kupferstich aus dem frühen 16. Jahrhundert und dazu noch einen der berühmtesten von Albrecht Dürer im Kopf und wir sehen Kostümierungen, die auch mit der Gründerzeit des renommierten Ensemble Modern in Verbindung zu bringen sind. Einmal sind es gut 500 und einmal sind es 40 Jahre, auf die wir da zurückblicken. Ein ziemlich gesichertes Terrain ist es somit, das die Besucher der Uraufführung „Melencolia“ bei den Bregenzer Festspielen betreten. Und das bleibt auch so, nachdem wir uns vor dem Vernehmen des ersten eigentlichen Tones mit der noch relativ jungen Augmented Reality beschäftigen durften. Die deutsch-österreichische Komponistin Brigitta Muntendorf (geb. 1982) bietet ihrem Publikum erst einmal etwas zum Lockerwerden. Und im Grunde bleibt das auch so. Denn, hallo, wer aufgrund des Untertitels „Eine Show gegen die Gleichgültigkeit des Universums“ oder der im Vorfeld getätigten Aussagen, dass die Melancholie oft fälschlicherweise mit Depression gleichgesetzt wird, wo sie doch eher Kontemplation fördert und damit Kreativität freisetzt, allzu verbissene didaktische Züge befürchtete, durfte aufatmen.

Die Choristinnen sind Vorarlberger Sängerinnen bzw. Mitglieder des Bregenzer Festspielchores: Nicola Bäurer, Anita Dressel-Malang, Eva-Maria Haußmann, Tatjana Kleber, Lili Löbl und Karin Rafolt. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Die Choristinnen sind Vorarlberger Sängerinnen bzw. Mitglieder des Bregenzer Festspielchores: Nicola Bäurer, Anita Dressel-Malang, Eva-Maria Haußmann, Tatjana Kleber, Lili Löbl und Karin Rafolt. Stiplovsek

Sieben Bilder

Es sind sieben Bilder, auch Klangbilder zum Nachdenken oder Eintauchen, die Muntendorf mit dem Dramaturgen Moritz Lobeck und einem Team von visuellen Gestaltern sowie Musikerinnen und Musikern und einem Chor zeigt. Sie sind nicht darauf ausgelegt, unbedingt entschlüsselt zu werden, sie liefern Assoziationen, deren Ausprägung vom individuellen Grad der humanistischen Bildung abhängt. Die Nornen mit ihren Schicksalsfäden sind manchem näher als Zidanes Kopfstoß gegen Materazzi im Juli 2006, der erste, in den 1960er-Jahren entwickelte singende Computer, die Erfindung der Karaoke-Maschine 1971 oder die Eröffnung der Plattform „Second Life“ vor knapp 20 Jahren. Die wissenschaftlichen Aspekte des Werks kann man erkunden oder nachblättern, muss es aber nicht, in gewisser Weise liegen sie ohnehin auf der Hand. Der akustische Part von „Melencolia“ erweist sich als facettenreiche Appropriation von Musik aus mehreren Epochen ohne Unterscheidung von U und E sowie als Schöpfung, die die Instrumentalisten in den Fokus rückt. Es ist sehr berührend, zu erkennen, dass Muntendorf den Kompositionsauftrag des Ensemble Modern derart auffasst, dass sie nicht einfach etwas liefert, was dem Charakter des Kollektivs entspricht, sondern, dass sie sich mit jedem einzelnen der Musikerinnen und Musiker auseinandersetzte. Dass Paarungen entstanden sind, entspricht ebenso der Arbeitsweise, wie der Einsatz der menschlichen Stimme und das Zulassen virtuoser Einsprengsel, die sich in den instrumentalen Solopassagen ebenso zeigten wie in den Auftritten eines eigens mit Sängerinnen aus der Region besetzten, von Benjamin Lack geleiteten Chores.

Die zahlreichen Ingredienzen des Werks beziehen sich auf einen Kupferstich von Albrecht Dürer. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Die zahlreichen Ingredienzen des Werks beziehen sich auf einen Kupferstich von Albrecht Dürer. Stiplovsek

Ordentlich viel los

Geklonte Stimmen, Elektronik, live gefilmte, mit Flügeln versehene Musiker und Sängerinnen, die wiederum computeranimierte Bilder bevölkern, sechzig Klangmonitore, die rund um den Publikumsraum positioniert sind, das erste Videospiel, ein Verweis auf die Dudelsackmusik im Iran, ein österreichisches Volkslied, Rock, Soul und Babylaute: „Melencolia“ hat zahlreiche weitere Ingredienzen. Wird es zuviel? Eindeutiges Nein. Auf dem Kupferstich von Dürer sinniert eine Figur mit Engelsflügeln vor sich hin. Im Himmel über ihr ist ordentlich viel los, in der Hand hält sie einen Zirkel, am Boden liegt allerlei Werkzeug, an der Wand ist ein magisches Quadrat, neben dem Hund befindet sich eine Kugel und ein Polyeder, eine Waage, eine Leiter, eine Sanduhr und glühende Kohlen sind weitere Elemente. Den Menschen im 16. Jahrhundert war das Werk zumutbar. Eine etwaige Retardierung braucht im 21. Jahrhundert nicht berücksichtigt zu werden. Die Komplexität des Werks ist somit ein Auftrag, „Melencolia“ von Muntendorf beschäftigt und bietet Erquickendes.

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Stiplovsek

Weitere Aufführung von „Melencolia“ am 20. August, 20 Uhr, auf der Werkstattbühne im Bregenzer Festspielhaus.