Zu Gast im Haus der Schmerzen

Kultur / 13.09.2022 • 14:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Zehn Tänzerinnen und Tänzer führen in sehr extravaganten Kostümen ein Arsenal an expressiven Körperbewegungen, Posen und mimischen Regungen vor. <span class="copyright">Orpheas Emirzas, Reto Schmid</span>
Zehn Tänzerinnen und Tänzer führen in sehr extravaganten Kostümen ein Arsenal an expressiven Körperbewegungen, Posen und mimischen Regungen vor. Orpheas Emirzas, Reto Schmid

Trajal Harrell eröffnet in Zürich die neue Schauspiel-Saison mit „Das Haus von Bernarda Alba“

Zürich Es soll Häftlinge geben, die Kleidungsstücke, Zeitungen und Essensreste nutzen, um heimlich an Kunstwerken zu arbeiten. Es scheint, dass gewisse Menschen aus den Bedingungen einer maximalen Unfreiheit, wo andere ganz verstummen würden, kreative Funken zu schlagen vermögen. Auch wenn in der nun am Schauspielhaus Zürich gezeigten Arbeit „Das Haus von Bernarda Alba“ nach dem Stück von Federico Garcia Lorca zehn Tänzerinnen und Tänzer in sehr extravaganten Kostümen ein Arsenal an expressiven Körperbewegungen, Posen und mimischen Regungen vorführen, mutet dies an, als ob hier eine Art von kreativer Notbremse gezogen würde.

Der US-amerikanische Regisseur, Choreograf und Tänzer Trajal Harrell erzählt uns zur Eröffnung der neuen Spielzeit zwar nicht eigentlich die Geschichte vom tyrannischen Regime der Bernarda Alba, die gerade ihren zweiten Ehemann verloren hat und das Haus zu einem Gefängnis macht, indem sie ihren fünf Töchtern acht Trauerjahre befiehlt. Aber es scheint, als würde uns Harrell in einer psychischen Tiefenbohrung privateste Qualen und Fluchtfantasien auseinanderdröseln, von den innersten Nöten und Sehnsüchten dieser Frauen erzählen, deren jüngste sich am Ende erhängt. Das bei Garcia Lorca in der privaten „Haftanstalt“ der Bernarda Alba zwangsverordnete Beschweigen der Triebe und Regungen erfüllt sich bei Harrell bis zu dem Grade, dass gar keine Dialoge gesprochen werden.

In gewisser Weise widerspricht dieser von einem portugiesischen Fado und Musik des Georgiers Giya Kancheli unterlegte bildersatte und nur knapp einstündige Abend dem titelgleichen Werk, von dem Harrell sich hat inspirieren lassen. Denn während die früheren Stücke von Garcia Lorca Musik- und Tanzeinlagen enthalten und kühne surrealistische Bilder aufbieten, ist gerade das kurz vor seiner Ermordung 1936 geschriebene letzte Theaterstück das realistischste dieses Spaniers. Den „Charakter eines fotografischen dokumentarischen Berichts“ hatte der homosexuelle Autor dem Dreiakter geben wollen, der eine starre Dogmatik einklagt. Wenn Harrell jetzt gegen Bernarda Albas „Ruhe!“-Imperativ rebelliert, so tut er dies freilich sehr fantasievoll-kühn und sinnenprall.

Hierfür ist die Pfauenbühne dem Salon von Christian Dior im Paris der 1940er- Jahre nachgebildet worden. Das über eine Seitentüre zur Bühne geleitete Publikum sitzt dort vor nobel verzierten Wänden und goldumrahmten Spiegeln und kann so aus intimer Nähe die zu märchenhaft-fantastisch gekleideten und androgyn anmutenden Wesen gewandelten Damen und Herren des Schauspielhaus Zürich Dance Ensemble bei ihrer Performance auf purpurrotem Spannteppich beobachten. Das Ausdrucksrepertoire erstreckt sich von raumgreifenden Bewegungen bis hin zu allerkleinsten Aktionen wie etwa einem schnell repetierten Augenlidschlag. Stilistisch lehnt sich das an das „Vogueing“ an, also an das Bewegungsvokabular und die Posen von Models, mit denen meist queere und häufig latein- oder afroamerikanische Tänzerinnen und Tänzer gegen Diskriminierung antanzen, und ganz wesentlich an den in Japan entstandenen Butoh-Tanz. Wie dort wird der Ausdruck geschärft bis zur Groteske. Wir wähnen uns in einem Haus der Schmerzen, wo Körper sich schamanistisch verrenken und krümmen, durch den Raum torkeln oder fast reglos verharren, Hände Geisterscheinungen abzuwehren scheinen und Gesichter sich bis zum Ausdruck allerhöchster Pein verziehen.

TORBJÖRN BERGFLÖDT

Nächste Vorstellungen (55 Min.) bis 9. Okt.

www.schauspielhaus.ch