Hoffnung braucht Gespräche

Kultur / 14.09.2022 • 13:35 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Festivalleiter Dietmar Nigsch und Eugen Fulterer. <span class="copyright">Magdalena Türtscher</span>
Die Festivalleiter Dietmar Nigsch und Eugen Fulterer. Magdalena Türtscher

Dietmar Nigsch zu den Herausforderungen anlässlich der Walserherbst Zwischenzeit 2022.

Thüringen In den Jahren zwischen dem biennalen Walserherbst lädt das Festival-Team zu einer dreitägigen Zwischenzeit.

Im diesjährigen Programm liegt der Fokus auf der literarischen und musikalischen Erkundung in der europäischen Nachbarschaft, nämlich von der Schweiz über Wien nach Süd- und Osteuropa bis in den Schwarzmeerraum. Dietmar Nigsch, Begründer dieses „steilsten Festivals in den Bergen“, kuratiert neben Eugen Fulterer das Programm, das im Kulturraum der Ruine Blumenegg stattfindet.

Aus welchen Gründen haben Sie den Fokus auf die europäische Nachbarschaft gelegt?

NIGSCH Wir blicken ein bisschen in den Westen und dann recht weit in den Osten – vielleicht weil ich in Wien lebend den östlichen Nachbarn noch ein Stück näher bin. Und weil unsere Freude und Begeisterung nach dem Mauerfall 1989 sehr groß war. Endlich war den osteuropäischen Ländern der Weg zu einem freien Europa geöffnet. Wirtschaftlich mag das zutreffen, aber mir scheint, dass im kulturellen Austausch viele Grenzen in unseren Köpfen aufrecht geblieben sind.

Der Kulturraum der Ruine Blumenegg wird Schauplatz des Walserherbst-Intermezzos. <br>Hanno M<span class="copyright">ackovitz</span>
Der Kulturraum der Ruine Blumenegg wird Schauplatz des Walserherbst-Intermezzos.
Hanno Mackovitz

Gerade jetzt, wo Krieg in Europa herrscht, ist der Austausch besonders wichtig. War es schwierig, Musiker und Autoren zu finden?

NiGSCH Es ist nicht so schwierig, wenn man Interesse an einem Land und deren Kultur hat sowie gewillt ist, hinzusehen und hinzuhören. Eine Großstadt wie Wien bietet allein schon durch die unmittelbare Nähe und der dort lebenden Völker und deren Kulturen viele Möglichkeiten des Austausches. In den westlichen Bundesländern wurde Wien ja schon mehrfach scherzhaft als Balkan bezeichnet.

Neben Musik und Literatur spielt die Kulinarik eine große Rolle. Wie kam es zu der Verankerung dieses Themenbereichs?

NIGScH Es gibt eine Redewendung, die sagt „übers Reden kommen die Leute zusammen“. Ich finde, das geht ganz besonders gut beim Kochen beziehungsweise Essen. Zudem bringt jedes Land durch ihre Kulinarik auch eine ganz spezielle Note ihrer Kultur zum Ausdruck. Nicht nur die Liebe geht durch den Magen, warum nicht auch die Kultur? Gastfreundschaft selbst braucht kein Rezept, die Zutaten gleichen sich meist: Offenheit, Aufmerksamkeit, Neugier und Toleranz. Gastfreundschaft bringt Menschen zusammen, macht die Welt freundlicher und das Unbekannte vertrauter. Wir werden mit unserer temporär eingerichteten Garküche im Kulturpavillon die Speisen mit dem jeweiligen kulturellen Programm abstimmen und diese dadurch bereichern. So werden beispielsweise ukrainische Frauen, die mit ihren Kindern seit dem Frühjahr in Fontanella leben, für uns ein Gericht aus ihrer Heimat kochen.

"Gastfreundschaft bringt Menschen zusammen, macht die Welt freundlicher und das Unbekannte vertrauter", sagt der Kurator. <span class="copyright">Angelika Lamprecht</span>
"Gastfreundschaft bringt Menschen zusammen, macht die Welt freundlicher und das Unbekannte vertrauter", sagt der Kurator. Angelika Lamprecht

Mit Gedichten der bekannten Übersetzerin Lida Winiewicz-Lefèvre wird aber auch das Alter thematisiert?

NIGSCH Der Samstag steht im Zeichen der Lyrik, Prosa und von Geschichten, und zwar mittags übers Essen und nachmittags übers Alter als Themenfelder. Die Lesungen werden von Heidelinde Gratzl am Akkordeon begleitet und im Anschluss daran gibt es was zum Essen. Auch wenn es in den Gedichten und Prosatexten von Lida Winiewicz-Lefèvre um Alt- und Krankwerden und letztlich ums Sterben geht, geben die Texte viel Anlass zum Schmunzeln bis hin zu herzhaftem Lachen. Das für uns alle Unvermeidliche hat zweifelsohne seine heiteren Seiten – ganz speziell dann, wenn sich eben Lida Winiewicz-Lefèvre damit beschäftigt.

Die ukrainische Autorin Tanja Maljartschuk hat kurzfristig abgesagt.

NIGSCH Leider hat mir ihre booking-Managerin mitgeteilt, dass sie sich unwohl dabei fühlt, aus ihrem Buch zu lesen, wenn im Anschluss russische Autorenlieder von 1950 bis heute präsentiert werden. Ich frage mich, was ist das für eine verrückte Zeit, wenn künstlerische Arbeit im Austausch, in der Begegnung nicht mehr möglich sein soll? Nach meinem Kulturverständnis habe ich stets das Verbindende vor dem Trennenden gesehen und Auseinandersetzung und Austausch im gegenseitigen Verstehen, nicht in der Ausgrenzung. Wenn die Einfalt die künstlerische Vielfalt ablöst, dann wird es eng.
Unser aller Hoffnung braucht Worte, sonst wird es düster und kalt in unserer Welt.

Wie sieht für Sie die Rolle der Kunst und Kultur in der gegenwärtigen Umbruchsstimmung aus?

NIGSCH Kulturarbeit ist immer auch Auseinandersetzung, Reflexion und Anstoß. Wer dies erkennt und sich einlassen kann, profitiert auf vielen Ebenen des Menschseins.

Monika Bischof

Walserherbst Zwischenzeit 2022: 16. bis 18. September im Kulturraum der Ruine Blumenegg. www.walserherbst.at