“Die Mittelschicht hat Systeme stabilisiert“

Kultur / 15.09.2022 • 20:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Begonnen wird die Saison mit „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Bertolt Brecht und Elisabeth Hauptmann. <span class="copyright">Sarah Mistura</span>
Begonnen wird die Saison mit „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Bertolt Brecht und Elisabeth Hauptmann. Sarah Mistura

Regisseurin Bérénice Hebenstreit zur Saisoneröffnung am Landestheater mit „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“.

Bregenz Die Frage, was aus der Solidargemeinschaft geworden ist, rückt Stephanie Gräve, Intendantin des Vorarlberger Landestheaters, mit ihrer Stückauswahl für die neue Saison in den Fokus.

Begonnen wird mit „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Bertolt Brecht und Elisabeth Hauptmann. Das um 1930 entstandene Stück, dessen zeitnahe Uraufführung von politischer Seite verhindert wurde, kam erst im Jahr 1959 und somit nach dem Tod von Brecht erstmals auf die Bühne. Es spielt vor dem Ersten Weltkrieg, wo es Regisseurin Bérénice Hebenstreit auch belassen will. „Der Blick zurück in die Geschichte zeigt, dass politische und wirtschaftliche Systeme immer umkämpft waren und sich durchsetzen mussten.“ Was Hebenstreit, die in Bregenz etwa das wunderbare Stück „Sprich nur ein Wort“ des Vorarlbergers Max Lang inszeniert hatte, dabei interessiert, ist die Verschränkung von Realwirtschaft und Börsenspekulation. Dabei gehe es nicht um die Gleichsetzung mit Verhältnissen in der Gegenwart, sondern um die Entschlüsselung der wirtschaftlichen und der kapitalistischen Logik.

Brecht und Hauptmann beschreiben, wie es dem Fleischfabrikanten Pierpont Mauler nach und nach gelingt, den gesamten Markt zu beherrschen. Mit Tipps von der Börse trickst er sämtliche Mitbewerber aus, erzeugt damit Arbeitslosigkeit und noch mehr Armut. Johanna Dark, Leiterin einer Art Wohlfahrtsorganisation, durchschaut einige der Mechanismen, ist dann aber nicht bereit, einen Generalstreik der Arbeiter zu unterstützen.

Keine Agitation

Hebenstreit: „Sie steht sich selbst mit ihren bürgerlichen Moralvorstellungen im Weg.“ Welche Mittel legitim sind im Kampf gegen solche Strukturen, die allein auf Profitmaximierung ausgelegt sind, diese Frage beantworte Brecht nicht, erläutert die Regisseurin und erklärt damit auch, dass der Vorwurf, Brecht habe hier kapitalistische Agitation betrieben, obsolet ist. Johanna ist für sie zwar eine Antiheldin, das Schöne an der Hauptfigur sei allerdings, dass sie sich angesichts des verursachten Elends an die dafür Verantwortlichen wendet. Sie schrecke dann vor Gewalt zurück, gerade in der Frage, woran sie scheitert, gäbe das Stück aber viel Interpretationsspielraum.

Das weiters Interessante an dem Stück sei, dass die Autoren mit Johanna eine Figur fokussieren, die nicht zu den Hauptkontrahenten zählt, sondern in der Mitte steht. „Mit wem wir uns als bürgerliche Mitte in der Frage nach gesellschaftlicher Veränderung solidarisieren, dieses Thema stellt sich uns heute und es ist enorm wichtig.“ In der schematischen Darstellung von Brecht sei es nicht schwierig, sich zu positionieren. Grundsätzlich und mit dem Blick auf die Entwicklungen gibt Hebenstreit zu bedenken, dass es die Mittelschicht war, die verschiedene Systeme stabilisiert hat. „Das Bürgertum hat eine wichtige Rolle. Welche Mittel empfinden wir als gut und richtig? Welches sind beispielsweise die Mittel, um Klimagerechtigkeit zu erreichen? Diese Fragen beschäftigen Journalistinnen und Journalisten heute doch ebenso wie Aktivistinnen und Aktivisten.“

Übrigens: Dass das Landestheater nach Budgetkürzungen im Vorjahr vor Herausforderungen steht, ist bekannt. Mit dem Verweis, dass eine weitere Reduzierung des Spielplanbudgets dem Charakter einer Landesbühne nicht zuträglich ist, hat Gräve die Situation gegenüber den VN bereits verdeutlicht. In einem Land, das über Wirtschaftskraft verfügt, wäre ein Nein zum Landestheater schwer zu vermitteln, erklärte sie. Angesichts der Bedeutung von Kunst und Kultur für die Menschen sei es trotz sozialer Probleme, die zu bewältigen sind, somit auch nicht vermessen, zu sagen, dass man mehr Geld braucht.

Premiere von „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ am 17. September, 19.30 Uhr, am Vorarlberger Landestheater in Bregenz. Weitere Aufführungen: landestheater.org

 

Die heilige Johanna der Schlachthöfe im Vorarlberger Landestheater
Die heilige Johanna der Schlachthöfe im Vorarlberger Landestheater