Homoki und seine Helden im Unterhemd

Kultur / 20.09.2022 • 18:06 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Szene aus „Die Walküre“ von Richard Wagner, neu inszeniert von Andreas Homoki in Zürich. Opernhaus/Rittershaus
Szene aus „Die Walküre“ von Richard Wagner, neu inszeniert von Andreas Homoki in Zürich. Opernhaus/Rittershaus

Seebühnenregisseur konzentriert sich in der Zürcher „Wal­küre“ auf die starken Frauen.

Zürich, Bregenz Bevor man Wagner in seinen Werken Frauenfreundlichkeit attestieren will, muss man vorsichtig sein. Zwar weist der Besetzungszettel des Werks „Die Walküre“, was gerne zitiert wird, insgesamt elf weibliche Figuren und nur drei männliche aus, die neun berittenen Wesen im Gefolge von Wotan, die Walküren, stellen sich dem Vater zwar ab und zu in den Weg, es wirklich mit ihm aufzunehmen und ihre Position zu verteidigen, traut sich aber nur Brünnhilde. Sieglinde hält sich Hunding zumindest für eine Weile per Schlaftrunk vom Hals und Fricka verschafft ihrem Ehemann als Hüterin der Gesetze (nicht des Rechts) immerhin einigen familiären Ärger. Daraus bezieht Andreas Homoki, Regisseur des „Ring des Nibelungen“ am Opernhaus Zürich (bekannt auch durch die neue Seebühnenproduktion „Madame Butterfly“ in Bregenz), die Möglichkeit, in „Die Walküre“ strikt beim bürgerlichen Konversationsstück zu bleiben, das er Ende April dieses Jahres mit „Das Rheingold“ eingeläutet hat, obwohl am Vorabend des Bühnenfestspiels, wie der erste Part des vierteiligen „Ring des Nibelungen“ untertitelt ist, auch Riesen, Zwerge und Nymphen einen Auftritt haben.

Die Entscheidung ist nicht neu. Auch der vom Bayreuther Festspielpublikum heuer so gescholtene Valentin Schwarz (der übrigens nun bei der Zürcher Premiere der „Walküre“ in den Publikumsreihen zu sehen war) hat die Familie fokussiert, dabei die Wirkung der Gewalt über Generationen aber derart ziseliert, dass sich für manche in Verbindung mit Reichtum und Macht, die vom begehrten Ring ausgeht sowie mit einem modernen Setting Unüberschaubarkeit einstellte.

Entstanden in Zürich

Dass Homoki alles im späten 19. Jahrhundert belässt, beruht auf der Idee, dem Publikum zu vermitteln, dass weite Teile der „Ring“-Komposition und -Dichtung während Richard Wagners langjährigem Aufenthalt in Zürich entstanden sind. Die großbürgerliche Wohnung aus dem „Rheingold“ bleibt in der „Walküre“, dem zweiten „Ring“-Teil, erhalten, selbst die lange Tafel aus der Burg Walhall ist noch da. Verweise zu Wagners damals revolutionären Ansichten zur Verteilung der Güter sucht man vergeblich. Vielleicht tauchen sie in Nummer drei und vier, nämlich „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ auf. Die These, dass der „Ring“ nichts mit der Kapitalismuskritik zu tun hat, die legendär gewordene Regisseure wie Patrice Chéreau unterstrichen haben, lässt sich nämlich nicht verteidigen.

Man könnte höchstens meinen, dass Zürich nicht der Platz dafür ist. Ulkige Spielereien sollen hier hingegen Anklang finden. Homoki, dem stringente psychologische Personenführung attestiert wird (was auch für die Bregenzer „Butterfly“ gilt), demontiert sich diesbezüglich kurz selbst, wenn er die für das Walhall-Heer gefangenen Helden im Unterhemd zeigt, die vor den mit Pferdeköpfen ausgestatteten Walküren zitternd von einem Zimmer ins andere getrieben werden oder wenn Wotan wie ein Schmusekater um Fricka balzt. Gut, war es halt ein kleiner Ausgleich zum ernsten Geschehen, um den ermordeten Siegmund, der geflüchteten Sieglinde und der Auseinandersetzung zwischen Wotan und Brünnhilde über Gefolgschaft, Pflichtgefühl und Gewissensentscheidung. Hier gewinnt die schlicht nacherzählte Handlung, für die Christian Schmidt Bäume in die Zimmer pflanzt und dort auch ganze Felsen ablegt, über Bewegung und Gestik enorme Stärke.

Exzellente Besetzung

Der Schmerz Wotans ob der Bestrafung seiner Tochter wird selten derart eindrücklich formuliert, wie es Tomasz Konieczny gelingt. Er sang die Partie auch jüngst in Bayreuth und findet unter dem sängerfreundlichen, die Motive plausibel betonenden Dirigat von Gianadrea Noseda zu einer überzeugenden Gestaltung. Camilla Nylund brilliert bei ihrem Brünnhilde-Debüt mit einer hellen und nicht einfach großen Wagner-Stimme, mit der sie feinste Nuancen ihrer Rebellion hörbar macht. Daniela Köhler erreicht als Sieglinde konventionelle Strahlkraft und Eric Cutler ist ein ihr diesbezüglich ebenbürtiger Siegmund. Auch die weiteren Walküren bestätigen die exzellente Besetzung, die wegen stimmlicher Schatten bei Patricia Bardon (Fricka) und Christof Fischesser (Hunding) noch keine Eintrübung erfährt. Dem Publikum nur die Vorgänge zu offerieren und die Deutung zu überlassen, wurde mit viel Applaus bedacht, dass sich bis zur „Götterdämmerung“ zumindest ein Deutungsangebot einschleicht, wäre zu erwarten. CD