Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Die alte Großmannssucht

Kultur / 23.09.2022 • 18:09 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Im Jahre 1999 gab es eine kleine Sensation bei den Bregenzer Festspielen: Intendant Alfred Wopmann hatte die Oper „Griechische Passion“ des tschechischen Komponisten Bohuslav Martinu als Uraufführung auf den Spielplan im Haus gesetzt. Es war nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich eine der beeindruckendsten Produktionen der Festspiele.

Thema der Oper war der griechisch-türkische Krieg 1921/22, der von den Griechen begonnen und von den Türken gewonnen wurde. Ausgangspunkt war – wie bei so vielen Kriegen – Großmannssucht der Staatsmänner. Auf griechischer Seite wollte Elef­therios Venizelos die griechischen Siedler, die seit dem 8. vorchristlichen Jahrhundert in der Westtürkei lebten, „heim ins Reich“ holen und wieder ein Großgriechenland herstellen, auf der anderen Seite schwebte Kemal Atatürk ein großes osmanischen Reich wie früher vor. Das Ergebnis war ein Flüchtlingselend, das man bis dahin nicht gekannt hatte. Eineinhalb Millionen Griechen wurden aus der Türkei vertrieben, 70.000 Türken aus Thrakien in Griechenland. Und natürlich war es so wie immer: Die vorher als „Brüder im feindlichen Ausland“ gesehenen Griechen waren, als sie nach Griechenland kamen, nicht willkommen. So wie immer, so wie es auch den Südtirolern nach der Option in Österreich oder den Ostdeutschen nach der Wiedervereinigung in Westdeutschland ging.

Diese Ablehnung der eigenen Leute war das Thema der „Griechischen Passion“. Und heute, hundert Jahre danach, spielen sie wieder mit gleichen Gedanken wie damals. Wenn etwa der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärt, dass die Griechen nicht ruhig schlafen sollten, denn „wir könnten plötzlich eines Nachts kommen“. Er spielt damit auch auf die Invasion der Türkei auf das griechisch ausgerichtete Zypern im Jahre 1974 an, als ein Teil der Insel von der türkischen Armee besetzt wurde und bis heute als türkisches Gebiet behandelt wird – wenn auch von kaum einem Staat der Welt anerkannt. Es ist die alte Großmannssucht, die aus dem Munde Erdogans spricht, denn er beansprucht griechische Inseln wie Kreta, Rhodos oder Kos für die Türkei.

Man sollte das alles nicht kleinreden, man sollte vorsichtig sein. Gerade in unserer Zeit, in der in Russland Wladimir Putin in ähnlicher Großmannssucht die alte Größe der Sowjetunion wiederherstellen möchte und deshalb einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt. Die Großmänner in der Politik sterben nicht aus, sie hängen immer alten Zöpfen nach und wollen in nationalistischem Selbstverständnis einstige Größe wiederherstellen. Damals wie heute. Seien wir also vorsichtig und eingedenk der „Griechischen Passion“. Der Flüchtlingsstrom von heute ist nicht anders als der vor hundert Jahren. Und die menschlichen Schicksale sind zumindest genauso tragisch.

„Man sollte das alles nicht kleinreden, man sollte vorsichtig sein.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.