Zwischen Absturz und Auferstehung

Kultur / 23.09.2022 • 18:09 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Markus Landerer, Domkapellmeister am Wiener Stephansdom, wird Anfang Oktober zwei Auftritte der Chorakademie Vorarlberg leiten.Chorakademie
Markus Landerer, Domkapellmeister am Wiener Stephansdom, wird Anfang Oktober zwei Auftritte der Chorakademie Vorarlberg leiten.Chorakademie

Durch Corona hat Markus Landerer mit seiner Chorakademie Vorarlberg eine schwere Zeit hinter sich.

FELDKIRCH Vor 15 Jahren hat Markus Landerer seine Position als Domkapellmeister von St. Nikolaus aufgegeben und unser Land verlassen, um einer Berufung am Wiener Stephansdom in derselben Funktion zu folgen. Doch die Verbindung zu Vorarlberg riss nie ab und wird durch jährlich herausragende Aufführungen mit seiner Chorakademie Vorarlberg am Leben erhalten.

Ihr bisher letzter Auftritt mit der Chorakademie liegt zweieinhalb Jahre zurück. Genau eine Woche nach Beethovens glanzvoller Missa solemnis im März 2020 gab es im Land die ersten Corona-Fälle. War das Glück oder Fügung?

LANDERER Eine glückvolle Fügung! Hätten wir gewusst, welche tiefgreifenden Veränderungen uns mit Covid-19 wenig später bevorstanden, wäre dem Publikum und allen Mitwirkenden die besondere Kostbarkeit dieser Konzerte stärker bewusst gewesen. Nachträglich waren wir enorm erleichtert, dass es zu keinen Ansteckungen gekommen ist. Für mich persönlich war das Jubiläumsjahr zum 250. Geburtstag Beethovens damit leider vorbei, alle geplanten Konzerte wurden abgesagt.

Würden Sie diese Produktion, vielleicht gemeinsam mit Bachs h-Moll-Messe, als einen der Glanzpunkte der Chorakademie seit ihrer Gründung 2007 bezeichnen?

LANDERER Das war es ganz sicher! Meine Repertoireauswahl in den Jahren davor lief ja konsequent auf diesen Olymp der Chormusik zu. Die Damen und Herren der Chorakademie haben sich mit vollem Elan in die Erarbeitung dieses Werkes gestürzt, ein Großteil meiner Leute hat davor noch nie ein so anspruchsvolles Werk gesungen. Und dass es im Zusammenklang mit den Solisten und der Sinfonietta Vorarlberg so toll gelungen ist, war ganz sicher ein Höhepunkt.

2021 ist die geplante Aufführung von Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ einem Lockdown zum Opfer gefallen. Haben Sie in dieser Situation beschlossen, mit dem Requiem des weniger bekannten Joseph von Eybler etwas kleinere Brötchen zu backen?

LANDERER Absolut nicht! Um dieses Werk tänzle ich interessiert herum, seit ich es während meiner Studienzeit kennengelernt habe. Doch konnte ich es bislang noch nie aufführen, weil der Aufwand sehr hoch ist, dieses unvergleichlich eindrucksvolle und anspruchsvolle Requiem qualitativ hochwertig zu realisieren. Man benötigt einen Chor, der stilistisch wendig ist und sich in einigen Passagen zu einem Doppelchor aufspalten kann. Das Orchester ist ungewöhnlich reichhaltig besetzt und hat heikle Aufgaben zu bewältigen, weil Eybler für die Wiener Hofkapelle komponierte, eines der leistungsfähigsten Ensembles seiner Epoche.

Und Sie zählen dabei auch auf Ihr Publikum?

LANDERER Ehrlich gesagt: Die Chorakademie hat das Glück, dass sie sich auf ihr treues Publikum verlassen kann und ihre Konzerte in der Vergangenheit immer ausverkauft waren. Natürlich fühlt es sich als Veranstalter entspannter an, wenn ein Blockbuster wie Bachs h-moll-Messe auf den Plakaten steht, doch wir sind überzeugt, dass sich unsere Zuhörer die Entdeckungsreise zu diesem enorm fesselnden unbekannten Oratorium nicht entgehen lassen.

Warum ist dieser Joseph von Eybler heute fast vergessen?

LANDERER Eybler hatte das Glück, dass er viele seiner Kompositionen für die exzellenten Musiker des Wiener Hofes schreiben konnte, aber dadurch auch das Pech, dass diese Werke nur dort am Hof gespielt und nicht im Druck erschienen und so verbreitet wurden. Dass Eybler wie auch seine entfernten Verwandten Joseph und Michael Haydn am Wiener Stephansdom Sängerknaben waren und von dort aus ihre großen Karrieren starteten, ist für mich ein sehr reizvoller Gedanke, da uns dieser gemeinsame Wirkungsort verbindet

Wie viel Mozart steckt in Eyblers Requiem?

LANDERER Man hört, dass Mozart bei der Komposition seines Requiems jenes von Michael Haydn im Ohr hatte, ohne dass man eine Stelle als „abgekupfert“ bezeichnen könnte. Und bei Eybler hört man wiederum Mozarts Einflüsse. Constanze Mozart hat ihn wenige Wochen nach dem Tod ihres Mannes um die Fertigstellung von dessen unvollendetem Requiem gebeten. Er hat die Arbeit begonnen, aber nicht fertiggestellt. In Eyblers eigenem Requiem gibt es Stellen, die diese Auseinandersetzung nicht verleugnen und die er als Erinnerung an seinen Freund und Lehrer komponiert hat. Dabei ist ein geniales Kunstwerk entstanden!

Zur Person

MARKUS LANDERER

GEBOREN 1976 in Morondava/Madagaskar, lebt in Wien

AUSBILDUNG Studien in Kirchenmusik, Chorleitung und Orchesterdirigieren in München und Stuttgart

TÄTIGKEIT Internationale Auftritte als Opern- und Orchesterdirigent, 2002 – 2006 Domkapellmeister in Feldkirch, Professor am Landeskonservatorium Feldkirch; seit 2007 Domkapellmeister zu St. Stephan in Wien, künstlerischer Leiter der Chorakademie Vorarlberg

FAMILIE verheiratet, drei Kinder

Aufführungen in der Kapelle der Stella Vorarlberg Feldkirch: 1. Oktober, 19.30 Uhr / 2. Oktober, 11 Uhr, www.chorakademievorarlberg.at