Frauenpower bringt das Eis zum Schmelzen

Kultur / 30.09.2022 • 22:47 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
SchmelzwasserPatrick Tschan, 330 Seiten, Braumüller-Verlag, 2022

Schmelzwasser

Patrick Tschan, 330 Seiten, Braumüller-Verlag, 2022

Autor Patrick Tschan gelingt eine Hommage an die aufbegehrenden Frauen nach dem Krieg.

roman „Hallo Sie! Ja Sie! Das geht nicht, das geht gar nicht!“, rief der Schiffsschaffner Emilie Reber nach, als sie mit einem disziplinierten Hüpfer an Land setzte, noch bevor das Linienschiff am Ufer festmachte. Das war im Frühjahr 1947 am Landungssteg einer Kleinstadt am Bodensee. Diese und ähnliche Sätze wird die aus der französischen Résistance zurückgekehrte Buchhändlerin in den nächsten 20 Jahren noch oft hören. Sie stemmt sich vehement gegen die Verdrängung der Auseinandersetzung mit der Hitlerzeit, gegen das Schweigen und gegen die Forderung, „endlich einen Schlussstrich zu ziehen“. Mit der Auswahl ihrer Bücher, allesamt von den Nazis verbotene und verbrannte Titel sowie aktuelle Neuerscheinungen zur deutschen Schuld, fordert sie die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Das stößt auf Widerstand und es kommt zu einem
Attentat auf ihre Buchhandlung.

Chablis und Felchen

Doch die mutige Emilie Reber findet auch Verbündete. Etwa die Kleiderhändlerin Hildegard Zahnlaub, die Ami-Hosen und Versandartikel von Beate Uhse ins Sortiment aufnimmt. Oder die junge Friseurin Ilse, die ihren Salon zu einem Hotspot der neuesten Trends aus Amerika macht. Nicht zu vergessen, der jüdische Rückkehrer Ignaz Franck. In den USA schrieb er Drehbücher, in Deutschland sind es Groschenromane, mit denen er seinen Lebensunterhalt verdient. Ihre Pläne schmiedet das Quartett bei französischem Chablis und Bodensee-Felchen im Haus von Emilie Reber und dabei erhitzen die Gemüter der Kleinstädter so sehr, dass die zu Eis erstarrte Ideologie der NS-Zeit dahinschmilzt.

Höchst unterhaltsam

„Schmelzwasser“ ist der fünfte Roman des Schweizer Autors, Patrick Tschan und hat die österreichischen Buchhändler und -händlerinnen beim „Testlesen“ derart begeistert, dass der Erscheinungstermin um zwei Monate vorverlegt wurde. Applaus! Alles richtig gemacht. „Schmelzwasser“ ist ein wirklich tolles Buch, höchst unterhaltsam und eine Hommage an die aufbegehrenden Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg. Einziger Kritikpunkt: Das Cover hätte, passend zur Lebendigkeit des Romans, durchaus bunter und kreativer ausfallen können. CRO

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