Die Entdeckung eines Meisterwerks

Kultur / 02.10.2022 • 20:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Chorakademie mit Markus Landerer hat sich seit Jänner in Etappen mit Feuereifer an die Auferweckung dieses in Vergessenheit geratenen Requiems gemacht. <span class="copyright">JU</span>
Die Chorakademie mit Markus Landerer hat sich seit Jänner in Etappen mit Feuereifer an die Auferweckung dieses in Vergessenheit geratenen Requiems gemacht. JU

Chorakademie Vorarlberg auch nach langer Zwangspause auf glänzendem Niveau.

FELDKIRCH Eigentlich war es, als wären sie nie von ihrem gewohnten Jahresrhythmus abgewichen, so aufgeräumt gingen die von Gründer und Leiter Markus Landerer perfekt vorbereiten 70 Sängerinnen und Sänger der Chorakademie Vorarlberg am Samstag ans Werk.

Dabei gab es durch Corona über zweieinhalb Jahre Auftrittspause, seitdem im März 2020 Beethovens „Missa solemnis“ zum unvergessenen Glanzstück der Vereinsgeschichte wurde. Das Publikum konnte das Wiedersehen kaum erwarten, strömte in Scharen in die Kapelle des inzwischen zur Stella Privathochschule erhobenen einstigen Landeskonservatoriums und quittierte begeistert eine absolute Rarität in der Chorliteratur, die selbst Landerer zuvor unbekannt gewesen war, der das Werk nun gemeinsam mit seinen Leuten einstudierte.

Mit der packenden Aufführung des 1803 entstandenen Requiems des Wiener Chordirektors Joseph Eybler ist freilich nichts weniger als die Entdeckung eines Meisterwerks für das Repertoire der Chorliteratur zu vermelden. Anmerkungen im Vorfeld, da sei vieles von seinen Mentoren Mozart und Michael Haydn übernommen, verblassen angesichts der überwältigenden musikalischen Substanz dieses Werks, das letztlich auch keine Vergleiche mit dem zwölf Jahre zuvor entstandenen Mozart-Requiem zu scheuen braucht. Vielleicht weht da etwas vom Geist Mozarts durch Eyblers Werk, mehr nicht. Das tiefgreifende einstündige Requiem trägt eine sehr persönliche Handschrift, die das Stück nach Landerer zu einer einmaligen Kostbarkeit macht. In einer biedermeierlichen Bildersprache von großer Schönheit und ergreifender Schlichtheit gibt es auch Platz für zukunftsweisende Neuerungen und Kontraste, mit denen etwa die Dramatik des „Dies irae“ in aller Härte geschildert werden.

Die Chorakademie mit Markus Landerer hat sich seit Jänner in Etappen mit Feuereifer an die Auferweckung dieses total in Vergessenheit geratenen Requiems gemacht. Die Anforderungen an den Chor sind freilich rein gesangstechnisch mit Doppelchor und Kontrapunktik enorm, allein die Bewältigung des kunstvollen polyphonen Satzes der Schlussfuge „Cum sanctis tuis“ in einer messerscharfen Präzision ist ein Qualitätsmerkmal von allerhöchster Güte. Da hat Chorguru Markus Landerer wieder einmal ganze Arbeit geleistet, wirft die Potenz seiner Künstlerpersönlichkeit ins Spiel und legt zwischen Lockerheit und straffer Konsequenz mit großer Klarheit die Strukturen dieses besonderen Werks frei. 

   

 Er kann dabei unverändert auf die vielgerühmten chorischen Eigenschaften seiner Sängerinnen und Sänger zählen, wie Sicherheit in der Intonation, dynamische Ausdruckskraft und Freude am runden, geschlossenen Chorklang. Mit der luxuriös besetzten Sinfonietta Vorarlberg verfügt Landerer aber auch über eine bewährte instrumentale Partnerschaft von großer Flexibilität, Klangqualität und Stilsicherheit in der Umsetzung der besonders reichhaltigen Partitur. Ein stimmlich wunderbar harmonierendes Solistenquartett wird angeführt von der innig gestaltenden Feldkircher Sopranistin Sabine Winter. Gemeinsam mit österreichischen Solisten aus dem Kreis Landerers wie Katrin Auzinger, Alt, Markus Miesenberger, Tenor, und Martin Achrainer, Bass, ergeben sich vor allem im „Benedictus“ und „Agnus Dei“ vokale Glanzlichter, die aufhorchen lassen. Zwei Motetten von Brahms und Bruckner bilden zuvor die ideale Einstimmung.

FRITZ JURMANN

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