Harte Schale, weicher Kern

Kultur / 09.10.2022 • 17:56 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Georgij Melnikov präsentiert eine Art Kunst- und Wunderklammer in Bregenz. Melnikov
Georgij Melnikov präsentiert eine Art Kunst- und Wunderklammer in Bregenz. Melnikov

Bregenz Nach der Performance „Blackwater Shellmen“ (2019) und der Gruppenausstellung „Review Corona“ (2021) präsentiert der österreichische Künstler und Performer Georgij Melnikov ein weiteres Mal seine neuesten Arbeiten in einer Einzelausstellung in der Galerie Lisi Hämmerle (Bregenz). Georgij Melnikov kreiert Skulpturen, Installationen, Gemälde, Übermalungen Happenings und Displays. Er präsentiert uns eine Art Kunst- und Wunderklammer im wahrsten Sinne des Wortes. Die in der Renaissance und im Barockzeitalter (Schloss Ambras, Grünes Gewölbe in Dresden) häufigen Kuriositätenkabinette erfreuten sich allgemein sehr großer Beliebtheit, waren dort doch oft exotische Objekte wie Narwalzähne, Korallen, Nautiluspokale oder auch Straußeneier zu sehen. Das Ei hat es Melnikov angetan. Es ist überaus präsent in seinem künstlerischen Schaffen.

Unzählige Abhandlungen wurden über die Bedeutung des Eis, das in allen Kulturen ein Zeichen für Leben, Fruchtbarkeit, Heilung, neues Leben, Schutz etc. darstellt, geschrieben. Auch in unseren Breiten wird zum Beispiel das Karfreitagsei als Schutz- und Abwehrzauber geschätzt und unters Bett gelegt, daneben gibt es auch das Ostereierkratzen, ein Brauch, den es allerdings nur in Stinatz (Burgenland) gibt. In manchen Gegenden in der Sowjetunion werden Eier und nicht Panzer über Körper von Kranken gerollt. Melnikov sieht das Ei als nicht wahrgewordenen Traum bzw. als Traum, den man nicht erfüllt haben will. Diesen bannt er in der Performance in ein „Pochiertes Ei im Glas“ (so auch der Titel der Ausstellung). Das im pochierten Ei Gebannte wird an den Adressaten zurückgegeben und dieser kann damit beliebig umgehen.

Salomons Urteil

So besteht auch seine Arbeit „Solomon’s Judgement“ aus einem halbierten, semitransparenten Ei, das bei näherer Betrachtung und dementsprechender Beleuchtung einen halbierten Embryo in sich birgt: König Salomon verlangte ein Schwert, damit er das Kind, um das sich zwei Mütter stritten, in der Mitte entzwei schneiden konnte, um je eine Hälfte der einen und der anderen zu geben. Der Ausgang des Urteils ist im Buch der Könige nachzulesen. Melnikov drapiert aber im Hintergrund eine Collage in Form eines großen Eis, auf dem Panzer, Militäraufmärsche und Einschusslöcher in einem Kindergarten zu sehen sind. Doch auf den Schultern der Soldaten sind nicht behelmte, martialische Köpfe zu sehen, sondern Hasenköpfe. Eine Kindheitserinnerung des in der Sowjetunion geboren Künstlers an die Zeichentrickserie „Hase und Wolf“, im Original: „Nu, pogodi!“. Diese Serie erinnert in ihrer Dramaturgie an den uns bekannten „Tom & Jerry“. Und last but not least Melnikovs Mischwesen aus Keramik, eigenartige, wunderschöne Hybride zwischen Gürtel- und Murmeltieren. Mit den goldgelb glänzenden Panzer auf ihren Rücken erinnern sie an ein Ei, harte Schale, weicher Kern. Könnte man nicht auch ein Ei über die Erde rollen, um sie zu heilen? Melinkov versucht es mit seiner Kunst in einer unprätentiösen, stillen und dennoch eindringlichen Art. TSh

„Pochiertes Ei im Glas” bis 29. Oktober 2022.Öffnungszeiten: Mittwoch bis Samstag von 15 – 19 Uh rund nach tel. Vereinbarung.

www.galerie-lisihaemmerle.at

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