Was nach der Vernunft kommt

Kultur / 14.10.2022 • 17:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der letzte Schritt der VernunftMatthias Jäger,550 SeitenBucher Verlag Hohenems

Der letzte Schritt der Vernunft

Matthias Jäger,
550 Seiten
Bucher Verlag Hohenems

Von Sokrates ins 21. Jahrhundert ist der Weg schwer, aber nicht weit.

Essay Dicke Bücher über das Hin und Her von 2500 Jahren Weltgeschichte und ihre großen Protagonisten von Sokrates über Julius Cäsar, Martin Luther, Shakespeare, den Sonnenkönig, Napoleon und Bismarck bis herauf zu Franz Kafka und seiner naturgemäß kafkaesken Weltdeutung: Solche Bücher zu ­schreiben ist die Sache von Spezialisten, Gelehrten und Wissenschaftlern, würde man meinen; nicht aber etwas für – sagen wir einmal Versicherungsagenten. So kann man sich täuschen!

Verblüffende Pointe

Der Hohenemser Matthias Jäger (55) hat ein solches Buch geschrieben, eine Universalgeschichte menschlicher, besser: unmenschlicher Unvernunft quer durch die Jahrhunderte, etwa in der ungemein anschaulichen Schilderung der katastrophalen Kreuzzüge des Mittelalters. Das wirklich Verblüffende und Umwerfende an diesem Buch ist aber seine Pointe. Nach CXVII (= 117) Kapiteln bringt sie der allerletzte Absatz auf Seite 544. Zu berichten, worin sie besteht, wird sich der Rezensent an dieser Stelle natürlich hüten. Nicht etwa aus billiger Heimlichtuerei oder um die schiere Neugier anzustacheln. Nein, aber diese Pointe, man könnte sie auch Moral nennen, will erlesen werden. Sie ist die Quintessenz dieser vielen, ungemein spannenden, farbigen, in einer so unterhaltsamen wie klugen Sprache geschriebenen Seiten.

Klar und logisch

Wie Matthias Jäger erzählt, was er erzählt und was er weiß, ist erfrischend, lehrreich, einnehmend. Wer weiß denn wirklich, was es mit Jeanne d´Arc, der Jungfrau von Orléans, mit ihrem so kurzen glanzvollen Leben und ihrem desaströsen Sterben auf sich hat? Bei Matthias Jäger erfährt man es auf wenigen Seiten so klar und logisch, dass man es nicht mehr vergessen wird! Vielleicht, so lautet ein kleiner persönlicher Einwand, ist Matthias Jäger mit dem armen Friedrich Nietzsche ein wenig zu streng ins Gericht gegangen, möchte man schüchtern einwenden. Aber nur vielleicht und nur ein wenig. Dafür schildert er etwa altrömische Intrigen und die namenlosen Schrecken der Schlacht von Verdun mit einer solchen Lebendigkeit, dass man meint, dabei zu sein, und sich entsprechend Gedanken macht bzw. graust.

Akt der Selbstabschaffung

Der titelgebende „letzte Schritt der Vernunft“ scheint in dem Buch lange kein Thema zu sein, lässt auf sich warten, was jedoch sehr spannend ist. Dann aber, irgendwann während der atemlosen Lektüre, geht der Leserin eine Ahnung, wenn nicht gar ein Licht auf, was es damit auf sich haben könnte. Bis dahin kommt immer mehr Unvernunft zutage, Unvernunft der Herrschenden, der Kaiser und Könige, der Feldherren, vom Hunnenkönig bis zum deutschen Generalstab im Ersten Weltkrieg. Unvernunft, die sich als Eitelkeit, Herrschsucht, Gier, Grausamkeit, Verlogenheit und dergleichen Allzumenschliches mehr manifestiert. Der letzte Schritt, den die Vernunft macht, ihre letzte und zugleich größte Tat, ist ein Schritt über sich selbst hinaus, ein Akt der Selbstabschaffung in Demut und Hingabe. Nicht mehr und nicht weniger. Wie Matthias Jäger das erkennt und was er daraus folgert, macht eben die Pointe des Buches aus. Man soll sich ihr nicht entziehen.

Wenn nämlich die Seele zu Wort kommt, wird hör-, sicht- und spürbar, worum es in all dem Gemetzel, das sich Weltgeschichte und Leben nennt, geht: um „die Rückkehr in die wahre Heimat, in die unbewegte Ewigkeit“ (S. 37). Das gilt für die Seele, also für das menschliche Ganze. Kurz und gut: Was für ein Buch! Chapeau! Respekt! Dem Vernehmen nach ist die zweite Auflage noch zu haben. Das sollte sich rasch ändern! PEN

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