Laudatio auf meine Ehefrau Monika Helfer

Kultur / 18.10.2022 • 07:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Laudatio auf meine Ehefrau Monika Helfer
Monika Helfer feiert am 18. Oktober ihren 75. Geburtstag. reh eggler

Von Michael Köhlmeier.

Hohenems Es heißt, in einer guten Ehe wird der Hochzeitstag oft vergessen. Monika und ich vergessen ihn fast jedes Jahr. Wir erinnern uns zwei oder drei Tage später. Und es heißt auch, gute Freunde schenken einander zum Geburtstag nichts. Nämlich, weil sie sich eh immer wieder etwas schenken. Das Geburtstagsgeschenk sei – auch – Zeichen eines schlechten Gewissens, eben weil man sich sonst nichts schenkt. Wenn das so ist, führen Monika und ich erstens eine gute Ehe und sind zweitens gute Freunde.

Freundschaften sind gut und halten lang, wenn einer den anderen braucht. Freundschaften, die auf reiner Liebe beruhen, finden oft nur in Gedanken statt; man denkt gern aneinander, trifft sich aber nur selten. Ich habe Monika vom ersten Augenblick an, schon am Beginn unserer Affäre, gebraucht. Beruflich. Beide waren wir Schriftstellerin und Schriftsteller, jung und im Beruf unerfahren. Sie ermahnte mich, auf jeden Satz zu achten. Sie war der Meinung, gute Literatur lebe zuerst aus jedem einzelnen Satz, der Plot, die Geschichte, die erzählt werde, sei zweitrangig. Beim Ernstnehmen einzelner Sätze habe ich Monika gebraucht und brauche sie bis heute. Sie braucht mich beim Ernstnehmen der Dramaturgie einer Geschichte. In der gegenseitigen Kritik unserer Texte erweist sich unsere Freundschaft. Keinen Lektor brauche ich so sehr wie Monika. Ich weiß, sie sagt das Gleiche über mich.

Wir müssen beide nachdenken, wenn uns einer fragt, wie lange wir schon verheiratet sind. Es sind einundvierzig Jahre, siebenundvierzig Jahre kennen wir uns. Kann man nach so einer langen Zeit sagen, wir kennen einander? Ja. Aber kann man auch sagen, der andere bietet kein Rätsel mehr? Wenn Monika auf Reisen ist und ich ihr Zimmer betrete und der Sessel vor ihrem Schreibtisch ist leer, dann weht mich eine Erinnerung an, die Erinnerung an das erste Jahr unserer Beziehung, die damals eine Affäre war, berauschend, gefährlich, zitternd glücklich. Damals war ich überwältigt von dem Gedanken, dass so eine schöne Frau, so eine rätselhafte Frau in mich verliebt sein könnte. Nicht, weil ich mir nicht zugetraut hätte, dass sich jemand in mich verliebt; da möchte ich sogar auftrumpfen und sagen: ganz im Gegenteil. Aber Monika erschien mir so außergewöhnlich, sie war so außergewöhnlich schön, elegant, graziös, wild, dass ich glaubte, ich selbst müsse sie vor mir in Schutz nehmen; müsse zu ihr sagen: Du, überleg dir das gut! – Sie hat es sich gut überlegt. Aus uns ist eine kräftige Familie geworden.

Heute wird Monika 75 Jahre alt. Die Erinnerung an unsere Affäre können wir jederzeit wachrufen. Die Philosophie spricht von der „Anerkennung der Differenz“; diese sei Voraussetzung für ein friedliches Miteinander. Nicht das Gleiche suchen, sondern den Unterschied. Das Gleiche ist nicht das Gemeinsame, der Unterschied ist nicht unbedingt das Trennende. Wenn Liebe und Freundschaft zusammengehen sollen, dann muss dafür gesorgt sein, dass keiner im anderen aufgeht. Das wäre gefährliche Romantik. Darum enden Bücher, in denen dieses Lied gesungen wird, immer rechtzeitig, nämlich am Anfang. So viele Jahre Ehe und Freundschaft sind gut, wenn sie sagt und er sagt: Du bist du, und ich bin ich.

Du bist mein erstes Du, liebste Monika. Alles Gute zum Geburtstag.

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