Achtung, hier regiert ein Hund

Kultur / 30.10.2022 • 18:41 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Opernhaus Zürich hat den Dreiakter als Schweizer Erstaufführung mit Erfolg neu inszeniert. MONIKA RITTERSHAUS
Das Opernhaus Zürich hat den Dreiakter als Schweizer Erstaufführung mit Erfolg neu inszeniert. MONIKA RITTERSHAUS

„Barkouf“ kommt als unterhaltsame Politparabel über die Rampe des Zürcher Opernhauses.

ZÜRICH Acht Vorstellungen, und dann war für sehr lange Zeit Schluss. Für fast 160 Jahre nämlich. So gründlich hatte damals eine offenbar überforderte Presse den an der Pariser Opéra-Comique 1860 uraufgeführten „Barkouf“ von Jacques Offenbach (1819-1880) gebodigt. Dem Engagement eines Experten für das Werk des Wahl-Parisers ist es zu verdanken, dass die Handschrift des kühnen musiktheatralen Gattungsmischlings hat geborgen und 2018 in Strasbourg wieder zur Diskussion gestellt werden können. 2019 übersiedelte die Produktion in Offenbachs Vaterstadt Köln, und jetzt hat das Opernhaus Zürich den Dreiakter als Schweizer Erstaufführung mit Erfolg wieder neu inszeniert.

Das Stück erzählt davon, wie in Lahore ein Großmogul den Hund Barkouf zum Regierungschef ernennt, weil das drangsalierte Volk sich regelmäßig gegen „die da oben“ empört und immer mal wieder den Gouverneur aus dem Fenster stürzt. Während der schmierige Wesir Bababeck nun die Gelegenheit nutzen will, um seine Tochter mithilfe des Hundes zu verkuppeln, will dessen einstige Besitzerin Maïma den Volksaufstand befördern – und siegt am Ende. Kein Wunder, hat Offenbachs erstes für die Opéra-Comique komponiertes Werk in einem von Kaiser Napoleon dem Dritten diktatorisch regierten Frankreich die Zensurbehörde auf den Plan gerufen. Musikalisch kommen zum satirisch gefärbten bis schmissigen Operetten-Ton mit federnden Couplets weitere Ingredienzen: lyrischer Belcanto-Schmelz, Stilanleihen bei der Grand Opéra, ja harmonische Kühnheiten, die Zeitgenossen gar an Richard Wagner gemahnt haben.

„Dicke, fette Sahnetorte“

Max Hopp als Regisseur will das vielgesichtige Werk farbenprall und effektvoll servieren – als eine, wie er es selbst zu formulieren beliebt, „dicke, fette Sahnetorte, aus der man die Finger nicht mehr herausnehmen will“. Das gelingt ihm sehr gut, auch wenn er die Schwierigkeit nicht immer vergessen machen kann, dass die heterogenen Elemente, aus denen das Stück besteht, dieses ein wenig zu entschärfen drohen. Der Offenbachsche Witz darf sich freilich ganz frei entfalten, und zudem wird die Herrschaftskritik ohne bemühte Aktualisierungsversuche unmissverständlich herauspräpariert. Den gesprochenen Originaltext hat Hopp durch raffinierte eigene Texte ersetzt, und André Jung als Erzähler und Conférencier des Abends ist ihnen ein überzeugender Anwalt. Marie Caroline Rössle hat ein an expressiontische deutsche Stummfilme gemahnendes skulpturales Bühnenbild ersonnen, das sich wechselnden Bedürfnissen geschmeidig anpasst, und Ursula Kudrnas Kostüme greifen passenderweise ins Fantastisch-Groteske aus. Gesungen wird stilidiomatisch beweglich und mit tragfähigen, sauber geführten Stimmen, wobei Marcel Beekman einen herrlich schmierigen Bababeck gibt und hierbei einen kernigen Tenor präsentiert. Mit Brenda Rae ist die Rolle der Maïma perfekt besetzt, wobei Rae etwa blitzschnell frappante Hochtöne herauszuschleudern vermag. In den weiteren Partien überzeugen Rachael Wilson, der für die Premiere ganz kurzfristig eingesprungene Sunnyboy Dladla, Mingjie Lei, Andreas Hörl, Siena Licht Miller und Daniel Norman. Substanzielles leisten ferner der von Ernst Raffelsberger einstudierte Chor und eine achtköpfige Tanztruppe. Unter dem Dirigenten Jérémie Rhorer serviert die Philharmonia Zürich rhythmische Pikanterien pointensicher und lässt den Farbenreichtum von Offenbachs Partitur schillern. TB

Weitere Vorstellungen (ca. 3 Std.) bis 22. Nov. www.opernhaus.ch

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