Gerald Matt

Kommentar

Gerald Matt

Oben Mit

Kultur / 02.11.2022 • 11:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Heute darf ich Ihnen ein Buch ans Herz legen, dass davon handelt, was mir und, das sei betont, gerne an den Kragen geht, nämlich von meinen Krawatten. Als ich Michael Köhlmeier einen Einblick in meine Krawattensammlung, die von den 20ern bis in die 80er reicht, gewährte und er mich fragte , ob ich wisse, wer diese Krawatten einst getragen habe, war uns beiden klar, dass damit die Idee zu einem Buch geboren war. Auch Monika Helfer, die selbst bei Lesungen Krawatte trägt, war von der Idee, den Krawatten eine, ihre Geschichte zu geben, gleich begeistert. Nun ist das Buch unter dem Titel “Die Sprache der Krawatten” bei Brandstätter erschienen.

„Indem sie den Krawatten in ihren gemeinsam erdachten Geschichten eine Art Biographie gaben, hauchten sie ihnen neues Leben ein.“

Mit ihren Erzählungen erlösten die beiden die von uns gemeinsam ausgewählten Krawatten aus ihrer Anonymität und vergessenen Existenz und begaben sich für jedes einzelne Stück auf die Spurensuche nach ihrem Träger. Indem Sie den Krawatten in ihren gemeinsam erdachten Geschichten eine Art Biographie gaben, hauchten sie Ihnen neues Leben ein, machten sie zu den Stars dieses Buches. Dabei bezogen sie sich auf die Formen, Stoffe, Muster und Farben der in das Buch aufgenommenen Lieblingsstücke meiner Sammlung, in denen sich unterschiedliche Zeiten und Moden verdichten.
Ihre wunderbaren Erzählungen, die von einem Mann ,dessen Leiche mit einer Krawatte im Schlund gefunden wird bis zu einer Dame, die als Mann verkleidet ,die Transsibirische Eisenbahn besteigt ,von den verschwenderischen Mustern der amerikanischen Nachkriegskrawatten bis hin zu den schmalen dynamischen Schlipsen der frühen James Bond Ära und vom Krawattenträger Robert Mitchum bis zu Mick Jagger reichen ,verwandeln meine Krawattensammlung nicht nur in ein historisches Archiv vergangener und im Wandel befindlicher Lebensstile und -Welten werden, sondern auch in eine Wunderkammer außergewöhnlicher, geradezu magischer Objekte.

Es ist die Dialektik von Sichtbarem und Unsichtbarem, von Objekt und Subjekt, Material und Individualität, Erinnerung und Traum, Schönheit und Vergänglichkeit, Biographie und Historie, Wirklichkeit und Möglichkeit, die den ausgewählten “ Krawatten „ ihre Aura und Anziehungskraft (und den Geschichten von Monika Helfer und Michael Köhlmeier ihre Spannung und Verführungskraft) geben. Wenn der Author Halldór Laxness festhält, dass „wer immer nur nach dem Zweck der Dinge fragt, ihre Schönheit nie entdecken wird“, kommt er auch dem Wesen der Krawatte nahe. Es ist letztlich ihre zwecklose Schönheit in einer Zeit der Nützlichkeitszwänge und der Bequemlichkeitsfanatismus, die mich zum Sammler der Krawatten und Helfer und Köhlmeier zu Erzählern dieser wunderbaren Geschichten machte. Anlässlich eines Wiener Abendessens und der saloppen Aufmachung mancher Gäste erzählte mir der Krawattenfetischist und US-Regisseur Martin Scorsese, dass er den Charakter eines Mannes nach der Krawatte beurteile, die er trage. Auf meine Frage, was denn sei, wenn einer keine Krawatte trage, lautete seine Antwort: “Dann hat er auch keinen Charakter. “ Eine ironische, aber gleichwohl erfrischende Antwort in Zeiten des “Oben ohne”.

Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.