Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Die große Terrornacht

Kultur / 04.11.2022 • 19:12 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

In der kommenden Woche, in der Nacht vom 9. auf den 10. November, jährt sich die „Reichspogromnacht“, bekannt auch als „Reichskristallnacht“, in der im Jahre 1938 von den Nationalsozialisten erstmals Jagd auf Juden gemacht wurde. Synagogen, jüdische Geschäfte wurden zerstört und geplündert, Juden öffentlich behelligt, gedemütigt und verhaftet – es war der Anfang der größten, brutalsten und widerwärtigsten Verfolgung von Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einem Volk, die die Welt je erleben musste. Und es war nicht so, wie man uns das über lange Zeit glauben machen wollte, dass in Vorarlberg die Uhren ganz anders gelaufen wären, dass hier alles „nicht so schlimm“ gewesen sei.

Wer dazu Genaueres wissen möchte, der kann sich leicht informieren. Man kann die Seite erinnern.at anklicken, dann erhält man viele Informationen. Traditionalisten (wie beispielsweise ich) können aber auch wieder einmal das schon vor zehn Jahren im Studienverlag Innsbruck erschienene Buch „Nationalsozialismus in Vorarlberg“ von Meinrad Pichler in die Hand nehmen. Da kann man nachlesen, dass der Antisemitismus in Vorarlberg (und natürlich auch anderswo) nicht von den Nationalsozialisten erfunden wurde: „Bereits im Mittelalter kommt es zu sogenannten Pogromen, das heißt zu öffentlichen und politisch geduldeten Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. (…) In Vorarlberg gehörten Vertreibungen, Plünderungen und Morde zu den leidvollen Erfahrungen der jüdischen Bevölkerung – etwa 1647, als Hohenemser Christen die Häuser ihrer jüdischen MitbürgerInnen plündern, oder 1744, als eine Hundertschaft radikalisierter christlicher Männer die kleine jüdische Gemeinde in Sulz ausraubt und vertreibt.“

Auf „erinnern.at“ ist für die „Reichskristallnacht“ vermerkt: „Dornbirner Nationalsozialisten drohten wiederholt mit dem In-Brand-Setzen der Synagoge, letztlich wurde aber der Jüdische Friedhof in Hohenems zum Ziel von Schändungsaktionen. Von einem In-Brand-Setzen der Synagoge wurde aufgrund der Befürchtung, dass sich das Feuer auf umliegende Gebäude ausweiten könnte, abgesehen.“ Und von der ehemals großen, 500 Menschen zählenden jüdischen Gemeinde blieb nach dem Nationalsozialismus kein einziges Mitglied, einige konnten flüchten, andere wurden in Konzentrationslager gebracht, viele dort umgebracht. Und auch nach der Zeit der Diktatur ging man mit dem jüdischen Erbe nicht gerade zartfühlend um. Die Synagoge wurde zum Feuerwehrhaus, Juden, die zurück wollten, fanden in ihren Häusern fremde Menschen, Rückstellungen von Besitz gab es nicht. Das dauerte – wie überall in Österreich und Deutschland – sehr lange, wurde oft gar nicht erreicht. Und so ganz nebenbei: Der Antisemitismus feiert heute in so manchen Gruppen wieder fröhliche Urständ.

„Es war der Anfang der größten, brutalsten und widerwärtigsten Verfolgung von Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einem Volk.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.