Gefallen muss Musik, sonst nichts!

Kultur / 05.11.2022 • 10:15 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Brodsky-Quartett spielte erstmals bei Dornbirn Klassik mit dem Bassbariton-Weltstar Willard White.    <span class="copyright">Fritz Jurmann</span>
Das Brodsky-Quartett spielte erstmals bei Dornbirn Klassik mit dem Bassbariton-Weltstar Willard White. Fritz Jurmann

Ein grenzüberschreitend besonderer Abend mit Willard White und dem Brodsky Quartet.

DORNBIRN Unerhört, wozu im Bedarfsfall ein so konventionelles Instrumentarium wie ein Streichquartett gut sein kann, wenn nur die rechten Leute am Werk sind.

Am Donnerstag waren es keine Geringeren als die Musiker des bereits legendären britischen Brodsky-Quartetts, deren Bratscher die Zuhörer im Kulturhaus wie alte Freunde begrüßte. Erstmals bei Dornbirn Klassik und ihrem Freund Roland Jörg hatten sie mit Willard White auch einen Weltstar des Gesanges, des Entertainments mitgebracht, kreierten auf einer gemeinsamen Wellenlänge ein Programm weit über ihr eigentliches Aufgabengebiet hinaus und sprengten dabei risikofreudig auch so eingefahrene Grenzen wie jene zwischen E und U, zwischen ernster und Unterhaltungsmusik.

Autor Robert Schneider hatte zuvor in seiner klugen Einführung auf diesen erst im 20. Jahrhundert aufgekommenen unseligen Zwiespalt aufmerksam gemacht und darauf, dass die Brodskys in den 50 Jahren ihres Bestehens, das mit dieser Anniversary-Tour gefeiert wurde, zu den engagiertesten Vorkämpfern für eine „klassenfreie“ Musik gehörten. Und dabei auch auf das unvergessene Hollywood String Quartet als Vorläufer verwiesen, dessen Fußstapfen ihnen nicht zu groß sind. Einziges Kriterium damals wie heute: Gefallen muss diese Musik, sonst nichts. Und das tut sie auch – je länger das Programm andauert, umso mehr.   

Wohlige Schauer

Star des Abends ist natürlich der in Jamaika geborene Sir Willard White, der bedeutendste britische Bassbariton im Operngenre, der sich zugleich die unmittelbare Natürlichkeit für Gospels, Standards und Schlager im besten Sinne bewahrt hat. Seine Bandbreite ist so groß wie sein Volumen, seine Stimme weckt Emotionen, die einem gleich beim ersten Ton wohlige Schauer über den Rücken jagen. Und man darf zwar nicht den Sänger, wohl aber dessen Stimme in ihren Abgründen als „schwarz“ bezeichnen, ohne an der viel diskutierten „political correctness“ anzustreifen. Er startet mit einem Medley aus Gershwins Oper „Porgy and Bess“, „Summertime“ oder „I got plenty o’ nuttin‘“ kennt jeder. Nach strengerer Kost mit klassenkämpferischen Folksongs von Benjamin Britten und Liedern wendet sich der zweite Teil meist populären Lovesongs aus dem „American Songbook“ zu, Standards also, die teils zu Gassenhauern wurden und oft ein verliebtes Schmunzeln auslösen.               

Die Musiker des Brodsky Quartets spielen stehend, mit geschärftem Klang und der gewohnten Kaltschnäuzigkeit (Schneider), mit Krysia Ostostowicz als Primaria, Ian Belton, 2. Violine, Paul Cassidy, Bratsche, und Jacqueline Thomas, Violoncello. Neben fein gesponnenen Instrumentalwerken wie der einleitenden Ballettmusik „Hoedown“ von Aaron Copland oder einem Satz aus einer Violinsonate von Ravel sind sie eigentlich in der Begleiterrolle. Doch da gibt es exzellente Spezialarrangements, die möglichst nahe am Originalklang angesiedelt sind und auch durch gezieltes Flageolett-Spiel verblüffende Effekte ergeben. In ihrer ausgeklügelten Spielweise erfüllen sie neben dem Sänger einen absolut gleichwertigen musikalischen Part der rhythmischen und melodischen Stütze, des Stimmungsmachers und der satten Farbgebung.

Nach „Jamaica Farewell“, einem Stück Heimat für White, wird Frank Sinatras „My Way“ zum offiziellen Abschied. Im Zugabenreigen überrascht Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ durch hohe Kompetenz des Sängers im romantischen Lied, das finale „Ol’ Man River“, Leib- und Magenlied jeder tiefen Stimme, wischt dann an der Nahtstelle zwischen Opernarie und Gospel die letzten Bedenken von E und U über den Haufen.

FRITZ JURMANN

Nächstes Konzert Dornbirn Klassik: 23. November, 19.30 Uhr – lautten compagney Berlin (Werke von Henry Purcell und den Beatles)        

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