Die Mission des „Tränentreibers“

Kultur / 06.11.2022 • 11:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
"My Heart Is Full of Na-Na-Na" ist ein durchgeknalltes, unterhaltsames Trash-Theater. <span class="copyright">Zoé Aubry (3)</span>
"My Heart Is Full of Na-Na-Na" ist ein durchgeknalltes, unterhaltsames Trash-Theater. Zoé Aubry (3)

Suna Gürler und Lucien Haug machen sich auf die Suche nach den Männern der Zukunft.

ZÜRICH Er bekommt nichts hin. Ein Gescheiterter, der nun feststeckt in einem Zwischenreich zwischen Leben und Tod. Denn auch der Selbstmord scheint dem 36-jährigen noch missraten zu sein. „Er“ ist Tearjerker, einst selbsternannter Spezialist in der Disziplin, Leute mit Popschnulzen weinen zu machen. Der „Tränentreiber“ hat aber noch eine Mission, nämlich die, in einer verkorksten Schrumpffamilie verdeckte Gefühle freizulegen.

Also segelt er mit etwas zu groß geratenen Engelsflügeln aufs Dach des Hauses in Zürich-Oerlikon, wo der 43-jährige Vater Alain und sein 13-jähriger Sohn Bilge wohnen und wo Alain sich eingemauert hat in einer Depression, die er manchmal dadurch lindert, dass er in der unaufgeräumten Wohnung das Parfüm der vor einem Jahr bei einem Unfall verstorbenen Ehefrau versprüht.

Das Stück ist eine Uraufführung am Schauspielhaus Zürich.
Das Stück ist eine Uraufführung am Schauspielhaus Zürich.

Die Uraufführung am Schauspielhaus Zürich ist die jüngste Kreation des Autors Lucien Haug und der Regisseurin und Theaterpädagogin Suna Gürler. Der Stücktitel  „My Heart Is Full of Na-Na-Na“ zitiert das Lied, mit dem Tearjerker 2008 seinen Auftritt am damaligen Eurovision Song Contest verpatzt haben soll. Und die Null-Punkte-Entscheidung der ESC-Jury war offenbar durchaus angemessen, was Maximilian Reichert, der den verhinderten Popstar verkörpert, mit tempo- und pointenreichem Spiel glaubhaft macht. Den vom jungen Laiendarsteller Finnigan Inan gegebene Bilge hindert das nicht daran, Tearjerker nach Kräften zu verehren. Umgekehrt wehrt sich der bockig-versponnene Alain von Lukas Vögler, gerade seine fünfte Depression aussitzend, lange gegen die Zumutungen des Gastes. Aber der, bald im Glitzerkleid posierend und immer dreister in der Wohnung sich einnistend, beweist die Kraft, die Schutzmauern einzureißen, die Alain um sich herum gezimmert hatte, schon bevor er Witwer wurde.

Das Werk entstand aus der Zusammenarbeit des Autors Lucien Haug und der Regisseurin Suna Gürler.
Das Werk entstand aus der Zusammenarbeit des Autors Lucien Haug und der Regisseurin Suna Gürler.

Das alles vollzieht sich in der Schiffbau-Box in einem Bühnenbild von Moira Gilliéron bei der es um die Frage geht, wie Männer der Zukunft aussehen und wie sie Gefühle, auch solche von Schwäche, zulassen könnten. Und das als durchgeknalltes, unterhaltsames Trash-Theater und auch tiefer bohrendes Stück, das den Figuren und uns den Puls befühlt und ohne oberlehrerhafte Attitüde eine emanzipatorische Zwischenbilanz zieht.

TORBJÖRN BERGFLÖDT

Weitere Vorstellungen (ca. 90 Mininuten) bis 1. Dezember 2022

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