Unvergleichlich und wunderschön

Kultur / 09.11.2022 • 18:28 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Martin Summer sang den Osmin bei der „Entführung aus dem Serail“. Löbl
Martin Summer sang den Osmin bei der „Entführung aus dem Serail“. Löbl

Die Lindauer Marionettenoper führte „Entführung aus dem Serail“ in Götzis auf.

Götzis Es war eine glänzende Idee des Vorarlberger Originalklangensembles Concerto Stella Matutina und der Lindauer Marionettenoper, die 2020 gezeigte Produktion von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ unter der Regie von Bernhard Leismüller wieder aufzunehmen. Der Charme dieser Aufführung bezauberte auch am Sonntag in Götzis das Publikum, darunter nicht wenige Kinder.

Das Besondere an dieser „Entführung“ sind die Marionetten, die in einem Guckkasten in der Mitte der Bühne auftreten, gekleidet in Kostüme im Stil des 18. Jahrhunderts, manche mit orientalischem Flair. Über diesem Guckkasten konnte man im Gebälk die Puppenspieler wie Riesen bei der Arbeit beobachten, die mit ruhigen Gebärden erstaunlich differenzierte Bewegungen der Puppen produzierten, die immer dem Duktus der Musik folgten – teils von grandioser Komik, wenn Blondchen auf der Schaukel Osmin niederstreckt.

Exzellentes Sängerensemble

Beidseitig vom Guckkasten stand das seit 2020 fast unveränderte, exzellente Sängerensemble. Wenn man sich auf die Größenverhältnisse im Guckkasten eingepeilt hatte, wirkten auch sie wie Riesen: Daniel Johannsen als leidenschaftlich singender Belmonte, die fabelhafte Gloria Rehm als Konstanze mit leuchtenden, intensiven Koloraturen und bewegend gestaltetem Schmerz, Michael Feyfar als kecker Pedrillo, die neu hinzugekommene Caroline Jestaedt als kapriziöse Blonde und der Feldkircher Martin Summer, der gerade in Salzburg ein überzeugendes Rollendebüt als Ochs im „Rosenkavalier“ absolviert hat, als stimmmächtiger Osmin. Besonders glücklich war die Idee, Puppen und Sänger interagieren zu lassen: berührend, wenn Konstanze in ihrem Schmerz sich an ihre Puppendarstellerin wendet; überwältigend, wenn Osmin am Schluss seinen Rachefantasien noch einmal freien Lauf lässt und in den Guckkasten hineinpoltert.

Hubert Dragaschnig spielte seine Sprechrolle als Bassa Selim mit Leidenschaft und abgeklärter Noblesse. Getragen und zusammengehalten wurde das Ganze vom fantastisch aufspielenden Concerto Stella Matutina unter Thomas Platzgummer: vom filigranen Piano-Beginn der Ouvertüre bis zum Schusschor immer präsent und plastisch artikulierend, die vielen Bläser-Soli, abgesehen von ein paar kleinen Intonationstrübungen, stets akkurat. Ein besonderer Höhepunkt war die Marterarie der Konstanze, mit Violine, Flöte, Oboe und Cello als konzertierenden Soloinstrumenten. Der feine Klang der alten Instrumente schafft zusammen mit den Marionetten eine ganz spezielle intime Atmosphäre, die diese „Entführung“ unvergleichlich und wunderschön macht – wäre das nicht etwas fürs Landestheater? UL

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