Nachruf auf die Wahrheit

Kultur / 12.11.2022 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Journalistin Alexandra Föderl-Schmid hielt eine "Totenrede" auf die Wahrheit. <span class="copyright">Montforter Zwischentöne, Lucas Breuer</span>
Die Journalistin Alexandra Föderl-Schmid hielt eine "Totenrede" auf die Wahrheit. Montforter Zwischentöne, Lucas Breuer

Das Begräbnis der Fakten in einer Pippi-Langstrump-Welt.

Feldkirch Zu einer “Totenrede” luden die „Monftorter Zwischentöne“ kürzlich in das „Alte Hallenbad“ in Feldkirch ein. Als Rednerin konnte Alexandra Föderl-Schmid gewonnen werden, die zehn Jahre lang Chefredakteurin der österreichischen Tageszeitung „Standard“ war, bevor sie zur „Süddeutschen Zeitung“ wechselte. In dem von Architekt Ulli Grassmann großartig gestalteten Bühnenraum hielt sie einen „Nachruf auf die Wahrheit“. Im Jahr 2017 sprach die Beraterin des damaligen amerikanischen Präsidenten Donald Trump, Kellyanne Conway zum ersten Mal von „Alternativen Fakten“. Während der amerikanischen Polit-Talksendung „Meet the Press“ hatte man sie darauf hingewiesen, dass das Weiße Haus nachweisbar falsche Angaben über die Zuschaueranzahl bei Trumps Amtseinführung gemacht hatte. Die „alternative facts“ waren der Beginn einer Kommunikationspolitik, mit der Trump seine eigenen Interpretationen der Realität zu verbreiten begann.

Alexandra Föderl-Schmid: "Alternative Fakten sind ein Totschlagargument."
Alexandra Föderl-Schmid: "Alternative Fakten sind ein Totschlagargument."

„Die Meinung ist frei, aber Fakten sind heilig.“ Dieses Zitat von C.P. Scott steht bis heute als Motto über der Meinungsseite der englischen Tageszeitung „The Guardian“. Aber kann man objektive Wahrheit definieren, kann man diese als solche erkennen, gibt es nachweisbare Tatsachen überhaupt? Der Standard für die Richtigkeit und Rechtmäßigkeit aller Urteile sei, wie sich die Dinge wirklich verhalten. Föderl-Schmid zitiert dazu Aristoteles: „Denn zu behaupten, das Seiende (= die gegebenen Tatsachen) sei nicht oder das Nichtseiende (= das nicht Vorhandene) sei, ist falsch. Aber zu behaupten, dass das Seiende sei und das Nichtseiende nicht sei, ist wahr. Es wird demnach der, der behauptet, dass etwas sei oder nicht sei, die Wahrheit sagen oder die Unwahrheit.“ Was einfach klingt, ist umgesetzt auf die Realität jedoch sehr schwierig.

2017 sprach die Beraterin des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, Kellyanne Conway, zum ersten Mal von „alternativen Fakten“.
2017 sprach die Beraterin des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, Kellyanne Conway, zum ersten Mal von „alternativen Fakten“.

Dies führt die Journalistin direkt in die österreichische Innenpolitik. Das es das Beinschab-Tool gab, sei ein Faktum und sei unbestritten. Die Frage sei aber, war Sebastian Kurz der Auftraggeber oder sein Vertrauter Thomas Schmid oder ganz jemand anderer? Was ist von den Aussagen, die über die berühmten Chats bekannt wurden, wahr, welche sind falsch? Wer lügt oder liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen? Sie habe, als sie zum ersten Mal die Chats gelesen habe, nicht glauben wollen, dass diese echt sind. Aber vieles wird wahr, wenn es gesagt oder geschrieben wird. Die Publizistin Hannah Arendt schrieb bereits 1972: „Lügen erscheinen dem Verstand viel einleuchtender und anziehender als die Wahrheit, weil der Lügner den großen Vorteil hat, im Voraus zu wissen, was das Publikum zu hören wünscht.“ Föderl-Schmid bezugnehmend auf das von Kurz aufgezeichnete Gespräch mit Thomas Schmid: „Vielleicht – wieder umgelegt auf die österreichische Innenpolitik – verhält es sich auch so bei einem aufgezeichneten Telefonat, dass man schon im Voraus gewusst hat, was man eigentlich wissen wollte, und welche Fakten wie dargestellt werden sollten, um jemanden der Lüge zu überführen.“

"Die Wahrheit ist tot, aber lang lebe die Wahrheit."
"Die Wahrheit ist tot, aber lang lebe die Wahrheit."

Föderl-Schmid sieht die größte Gefahr durch alternative Fakten, mehr als bei den Fake News: „Bei den alternativen Fakten werden Tatsachen nicht mehr als solche anerkannt. Jede Bezugnahme auf objektive Gegebenheiten wird durch die Bezugnahme auf alternative Fakten begraben. Alternative Fakten sind ein Totschlagargument. Dieses Desinteresse an Fakten und auch mangelndes Faktenwissen ermöglicht die Manipulation der öffentlichen Meinung im Spiel um Macht und Kontrolle. So gilt als Regel im politischen Verteilungskampf, dass, was einmal Trumps Berater Steven Bannon öffentlich gemacht hat: ‚Flood the zone with shit!‘. Man muss auf Fakten einfach keine Rücksicht mehr nehmen, jeder erfindet und beschreibt die Welt so, wie sie ihr gefällt. Eine Pippi-Langstrumpf-Welt für alle.“ Dennoch: Die Wahrheit sei tot, aber lang lebe die Wahrheit. Man solle sich an Goethe halten und das Wahre unermüdlich in Worten wiederholen. „Das ist ein Auftrag an uns alle und eine Zehrung für die Zukunft“, so Alexandra Föderl-Schmid abschließend.

Nico Raschner, Schauspieler des Vorarlberger Landestheaters, las sehr eindrücklich aus Hanna Arendts „Wahrheit und Lüge in der Politik“ und beschloss den Abend mit von Föderl-Schmid formulierten Fürbitten. Musikalisch umrahmt wurde der Abend vom fantastischen „Trio Opus 3“ mit Werken von Beethoven, Mozart, Alfred Schnittke und Sofia Gubaidulina.

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