Weltklasse im Pförtnerhaus

Kultur / 13.11.2022 • 17:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Zum grandiosen pianistischen Höhepunkt dieses Abends wurde Schumanns „Kreisleriana“, ein Schlüsselwerk romantischer Klavierliteratur.<span class="copyright"> JU</span>
Zum grandiosen pianistischen Höhepunkt dieses Abends wurde Schumanns „Kreisleriana“, ein Schlüsselwerk romantischer Klavierliteratur. JU

Sensationelles Debüt der russischen Pianistin Ekaterina Derzhavina bei der Chopin-Gesellschaft.

FELDKIRCH Eigentlich sollte sie jetzt am Moskauer Konservatorium Klavier unterrichten, wie es ihrer Profession entspricht. Wären da nicht die Bedrohungen des Kriegs in ihrem Land gewesen, der die russische Musikerin Ekaterina Derzhavina samt ihrer Familie vor vier Wochen zur Emigration nach Israel veranlasste.

Dort war die 55-Jährige gezwungen, ihre täglichen achtstündigen Übungseinheiten auf einem Elektroklavier, bei dem der Strom rationiert war, im Freien zu absolvieren. Ein unzumutbarer Zustand für eine international tätige Konzertpianistin, die damit zum Opfer politischen Machtmissbrauchs in der Kunst wurde.  

Ganz in Schwarz betritt Derzhavina die Bühne und stellt eine Klaviersonate von Leopold Mozart in den Raum, die nicht einmal Fachleute kennen. <span class="copyright">JU</span>
Ganz in Schwarz betritt Derzhavina die Bühne und stellt eine Klaviersonate von Leopold Mozart in den Raum, die nicht einmal Fachleute kennen. JU

Da erwies sich der in Kennelbach wohnhafte Markus Brändle als Helfer in der Not. Er hatte Derzhavina bereits in seinem Job als Tonmeister des Saarländischen Rundfunks seit Jahren künstlerisch betreut und wurde damit zur Vertrauensperson. Das Ergebnis waren ab 1993 international viel beachtete und ausgezeichnete Einspielungen aller 50 Haydn-Sonaten im Laufe von 15 Jahren in einer 9-CD-Box oder Bachs „Goldberg-Variationen“ in einer schnittfreien Aufnahme. Brändle vermittelte der Pianistin nun in dieser prekären Situation den Kontakt zur Chopin-Gesellschaft Vorarlberg, wo Anna Adamik und Anselm Hartmann sie nicht wie andere Veranstalter ihrer Herkunft wegen boykottierten, sondern der Künstlerin einen Klavierabend im Pförtnerhaus ermöglichten und sie damit finanziell und ideell unterstützten. Es wurde ein Volltreffer.

Nach rund 30 Minuten höchster Intensität und Konzentration erwacht die Künstlerin wie aus einer Trance, verbeugt sich traumverloren und lächelt erst beim Wiederkommen das erste Mal an diesem Abend.<span class="copyright"> ju</span>
Nach rund 30 Minuten höchster Intensität und Konzentration erwacht die Künstlerin wie aus einer Trance, verbeugt sich traumverloren und lächelt erst beim Wiederkommen das erste Mal an diesem Abend. ju

Denn Ekaterina Derzhavina erweist sich am Freitag als Weltklasse-Pianistin, nur weiß das niemand, am wenigsten wohl sie selber. Weil sie die Öffentlichkeit eher scheut, sich keiner Agentur anvertrauen will und nur auf die Wirkung ihrer Kunst zählt. So bleibt bei diesem bei uns relativ unbekannten Namen auch das Pförtnerhaus nur schütter besetzt, umso heftiger sind bei diesem erlesenen Publikum am Ende die Ovationen.

Schüchtern, ganz in Schwarz betritt Derzhavina die Bühne und stellt eine Klaviersonate von Leopold Mozart in den Raum, die nicht einmal Fachleute kennen. Wolfgang Amadeus löst danach in seiner bekannten a-Moll-Sonate KV 310 all das ein, was der Vater zuvor vergeblich versprochen hat. Vor allem, weil die Pianistin das Werk mit einem unglaublich beredten Anschlag lebendig macht und sich dabei keinen Deut um ein angepasst mozartgemäßes Spiel schert, sondern radikal und selbstbewusst ihre eigenen Ansichten von Artikulation, Tempo und Dynamik präsentiert. Das ist atemberaubend große Klasse!

Erwacht wie aus einer Trance

Zum grandiosen pianistischen Höhepunkt dieses Abends wird Schumanns „Kreisleriana“, ein Schlüsselwerk romantischer Klavierliteratur. Diese zerklüftete Ansammlung hochvirtuoser Anforderungen verlangt die feine Klinge ebenso wie die große Pranke, der die Künstlerin mit aller möglichen Kraftentfaltung nachkommt. Allein der Bösendorfer zeigt sich darob leicht verstimmt. Die überlegene Technik lässt ihr auch Freiraum für eine oft sehr nachdenkliche, inwendige Ausgestaltung dieses Werks. Nach rund 30 Minuten höchster Intensität und Konzentration erwacht die Künstlerin wie aus einer Trance, verbeugt sich traumverloren und lächelt erst beim Wiederkommen das erste Mal an diesem Abend. Aber das Publikum gibt ihr Auftrieb und wird belohnt mit Musik russischer Landsleute: einer ins Klavier gehämmerten Etüde von Alexander Skrjabin und einem chopinhaften Stimmungsbild von Nicolai Medtner.

Fritz Jurmann

Nächstes Konzert der Chopin-Gesellschaft: 29. Jänner 2023, 19.30 Uhr – „Tastenzauber aus vier Jahrhunderten“

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