Das Denken, die Sorge und die Welt

Kultur / 18.11.2022 • 14:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Walter Strolz anlässlich der Verleihung des Kulturpreises im Jahr 1983.     <span class="copyright"> <em>Helmut Klapper, Vorarlberger Landesbibliothek</em></span>
Walter Strolz anlässlich der Verleihung des Kulturpreises im Jahr 1983. Helmut Klapper, Vorarlberger Landesbibliothek

Der Bregenzerwälder Gelehrte Walter Strolz (1927–2022) als wacher Zeitgenosse.

von Peter Natter

Schoppernau “Einsichten”, so lautet der Titel einer Aufsatzsammlung von Walter Strolz, 2014 in einer Schriftenreihe der Vorarlberger Landesbibliothek im Neugebauer Verlag Graz und Feldkirch erschienen, herausgegeben von zwei heimischen Geisteswissenschaftlern, Christoph Strolz und Jürgen Thaler, mit einem Vorwort von Walter Methlagl, der mit Walter Strolz an der Herausgabe der Gesamtausgabe von Franz Michael Felders Schriften gearbeitet hat. Walter Strolz wurde heute vor 95 Jahren, am 17. November 1927, im Erscheinungsjahr von Martin Heideggers epochalem Werk „Sein und Zeit“, als Urenkel von Franz Michael Felder in Schoppernau geboren, und ist vor wenigen Tagen in Wien, wo er lange gelebt hat, gestorben. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen stark nach Lokalkolorit. Doch dieser Eindruck täuscht gewaltig. Schon die Themen der Aufsätze im angesprochenen Band belehren eines Besseren, wenigstens: eines ganz anderen.

Strolz war studierter Philosoph, Germanist, Historiker. Sein Herz schlug jedoch offensichtlich für die Theologie bzw. die Gottesfrage in all ihren Facetten, Höhen und Tiefen. „Menschsein als Gottesfrage“ ist der Titel eines seiner Werke aus dem Jahr 1965. Dichterisches und Theologisches bildeten den Schwerpunkt von Strolz´ umfangreicher schriftstellerischer, publizistischer und herausgeberischer Tätigkeit, die auch „Aus meinem Leben“ seines Urgroßvaters F. M. Felder umfasste (1974). Der angesprochene Band mit „Aufsätzen auf fünf Jahrzehnten“, so der Untertitel, widmet sich u. a. Shakespeare, Aischylos, Platon und Kafka, Nietzsches Christentum, Wittgensteins Sprachkritik, Goethe, Martin Heidegger, Ernst Bloch und nicht zuletzt „Franz Michael Felders Religiosität und ihrer heutigen Bedeutung“.

Im Vorwort von Walter Methlagl heißt es dazu: „… das Integral, auf das hin bis heute (2014) die ganze Lebensarbeit von Walter Strolz gerichtet ist – auf die Ursachen und Folgen der gegenwärtig immer krasser in Erscheinung tretenden weltweiten Krisen und auf die Möglichkeiten, diese vielleicht doch noch zu bewältigen.“ Dass Krisenbewältigung nur in der Auseinandersetzung und Begegnung mit den bedeutenden Gestalten der Geschichte denkbar ist, war für Strolz nicht nur eine Buchstabenweisheit. „Das Leben aus dem Unbegreiflichen, dem Unaussprechlichen gehört zur Natur des Menschen“, notiert Strolz im Aufsatz über Goethes Sprachphilosophie. Diese Einsicht ist ein prägnantes und schönes Beispiel für Walter Strolz´ Haltung zum und im Leben. Das in der Vorarlberger Landesbibliothek lagernde Material an Manuskripten und Briefen des Vor- bzw. Nachlasses von Walter Strolz ist ein beeindruckendes Dokument von unschätzbarem Wert.

Was an Walter Strolz´ Schriften fasziniert, ist seine überaus gründliche Gelehrsamkeit, es bloß Bildung oder Belesenheit zu nennen, wäre viel zu wenig. Die Lektüre berührt in erster Linie durch die tiefe ethische Verankerung der umfassenden Beschäftigung mit Philosophie, Theologie, Geschichte und Literatur. Wie Walter Strolz mit Shakespeare, mit dem biblischen Hiob, mit Ludwig Wittgenstein, mit Kierkegaard, Hölderlin oder Goethe und vielen anderen umgeht und was er von ihnen zu lernen bereit ist, kommt aus einer persönlichen Betroffenheit des Autors, des Menschen und Zeitgenossen Walter Strolz, die zum entscheidenden und heute mehr denn je notwendigen Impuls der Auseinandersetzung mit seinem Schaffen wird.

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