Das wahre Leben ist die Literatur

Kultur / 18.11.2022 • 16:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Prousts Wirkung ist auch heute noch immens. „Proust-Leser sind im Vorteil“, hat einst Martin Walser formuliert.    <span class="copyright">AFP PHOTO / Thomas SAMSON</span>
Prousts Wirkung ist auch heute noch immens. „Proust-Leser sind im Vorteil“, hat einst Martin Walser formuliert. AFP PHOTO / Thomas SAMSON

Marcel Proust ist nach 100 Jahren aktueller denn je.

Paris Vor exakt 100 Jahren, in den frühen Morgenstunden des 18. November 1922 ging mit dem auf ein eng beschriebenes Manuskriptblatt gekritzelten Wort „fin“ ein der Literatur gewidmetes Leben zu Ende. 17 Jahre lang hat Marcel Proust an seinem Werk, dem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ geschrieben. Nacht für Nacht, in seinem Bett liegend, von der Haushälterin Céleste versorgt, selten von Freunden besucht, kaum je das Haus verlassend. 5000 Seiten umfasst der Roman in den gängigen Ausgaben, inklusive der Varianten, der Vorabtexte und Entwürfe ist es ein Vielfaches. Das Ergebnis ist ein Buch wie eine Kathedrale oder wie ein aus zahllosen Fäden gesponnenes Gewebe, um zwei der gängigsten Charakterisierungen Prousts über sein Schreiben zu zitieren.

Was aber ist ein der Literatur gewidmetes Leben? Die Literatur, hat Marcel Proust geschrieben, ist das wahre Leben. Genau genommen ist es nicht die Literatur, sondern es ist in der Literatur; im Schreiben findet sich und findet der Autor die Wahrheit über das Leben. Diese Wahrheit ist eine verlorene, es gilt, sie wiederzufinden. Aber, hier liegt des Pudels Kern, man findet nicht, indem man sucht. Man findet, indem man sich den Dingen überlässt, indem man sich der Zeit überlässt. Nicht der Wille fördert die Wahrheit zutage, sondern die Zeit. Da geht es nicht darum, dass viel passiert, es geht nicht um Action und es geht nicht um den Plot. Wer Prousts Roman nacherzählen wollte, oder verfilmen, wie das Volker Schlöndorff oder Luchino Visconti getan, besser: versucht haben, muss mehr oder weniger scheitern. Eine Kurzversion der „Suche nach der verlorenen Zeit“ für ganz Eilige könnte lauten: „Marcel kann nicht einschlafen.“ Und noch einmal gerafft: „Marcel erwacht.“ Letztlich läuft das aufs Selbe hinaus: auf das Einswerden mit der Zeit und mit sich selbst. Proust kommt vom Hundertsten ins Tausendste und von dort zu sich und zum Einen.

Prousts Roman  „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist Kunst- und Zeitgeschichte, Technik- und Sozialgeschichte.   <span class="copyright">STEPHANE DE SAKUTIN / AFP</span>
Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist Kunst- und Zeitgeschichte, Technik- und Sozialgeschichte. STEPHANE DE SAKUTIN / AFP

„Das monumentalste Romanwerk des 20. Jahrhundert“, „Ein Mythos der Moderne“ (Jochen Schimmang): Das Werk, also das Leben von Marcel Proust, geboren 1871, ruht auf mehreren Fundamenten: Er stammt aus einer begüterten Familie der Pariser Bourgeosie, die Mutter aus reichem jüdischem Haus, der Vater, aus der Provinz stammend, hat sich zum führenden Seuchenmediziner Frankreichs emporgearbeitet. Proust, von Kindheit an Asthma leidend, wächst in einer von Literatur und Kunst getränkten Atmosphäre auf, ein Muttersöhnchen par excellence, hinter dessen Anschein von Sanftmut sich jedoch ein Charakter von äußerst seltener Entschlossenheit entwickelt. Der als Salonlöwe verkannte Proust ist in Wirklichkeit ein hochsensibler Geist und ein scharfsinniger und intelligenter Beobachter des politischen und gesellschaftlichen Geschehens. Wie sich in seinem Schreiben Wirklichkeit und Literatur durchdringen, ist einzigartig und revolutionär. Prousts Wirkung ist immens. „Proust-Leser sind im Vorteil“, hat einst Martin Walser formuliert. Dieser Vorteil wirkt auch 100 Jahre nach dem Tod des Autors.

Als Proust 1922 mit nur 51 Jahren verstarb, war sein Roman erst zu Teilen veröffentlicht. 1927 erschien der letzte, der siebte Band: „Die wiedergefundene Zeit“. Erste Übersetzungen ins Deutsche gab es 1926, bald darauf erarbeitete Walter Benjamin eine Übersetzung von Band 2 und 3. 1957 kam die erste, Maßstäbe setzende Gesamtübersetzung ins Deutsche von Eva Rechel-Mertens. Diese wurde vor 20 Jahren vom Zürcher Romanisten Luzius Keller für den Suhrkamp Verlag überarbeitet. Die bislang letzte Übersetzung des Gesamtwerks stammt von Jürgen Fischer im Reclam Verlag (2013–2016). Beide Fassungen sind in verschiedenen Ausgaben zu haben; und sie sind, was die Lektüre noch einmal faszinierender macht, mit einem reichhaltigen Kommentarteil versehen. Einmal ganz abgesehen von der unübersehbaren Literatur zu Proust und seinem Werk, die von Enzyklopädien, Hand- und Wörterbüchern und ABCs bis zu hochspezialisierten wissenschaftlichen Detailstudien reicht.

Am 2. Samstag im Mai pilgern jedes Jahr Fans des französischen Schriftstellers Marcel Proust nach Illiers-Combray.     <span class="copyright">AFP FOTO / JEAN-FRANCOIS MONIER</span>
Am 2. Samstag im Mai pilgern jedes Jahr Fans des französischen Schriftstellers Marcel Proust nach Illiers-Combray. AFP FOTO / JEAN-FRANCOIS MONIER

Was den Zugang deutschsprachiger Leserinnen zu Proust betrifft, sind neben dem Königsweg der geduldigen, ausdauernden, unablässigen, intensiven Lektüre zwei Nebenstraßen besonders zu erwähnen. Zum einen die Hörbuchfassung von Peter Matic, ein 156-stündiges Hörerlebnis der Sonderklasse; Matic hat sich dem Sprechen des Textes fast so akribisch hingegeben wie Proust dem Schreiben. Das Ergebnis spricht für sich und ist solitär. Zum andern die Graphic-Novel-Version, adapiert und gezeichnet in ebenfalls jahrelanger Arbeit von Stéphane Heuet im Knesebeck Verlag. Schnell geht bei Proust gar nichts. Als Graphic Novel funktioniert die „Recherche“ interessanterweise besser als alle Versuche, das Werk filmisch umzusetzen, selbst mit erstklassigen Schauspielern wie Alain Delon, Ornella Muti oder Jeremy Irons und Fanny Ardant. Vielleicht weil hier die Fantasie der Leserschaft wesentlich sanfter, diskreter, und doch auch fantastischer als im Film geführt wird.

Dass die Frage des Zugangs für Proust-Leser zentral ist, ergibt sich aus dem Umstand, dass sein Roman gleichzeitig sowohl mit der Lupe als auch mit dem Fernrohr geschrieben zu sein scheint. Eine Überfülle an winzigen Details geht über in immense Bögen des Erzählens, die sich über Hundert von Seiten erstrecken, bis hin zur wiedergefundenen Zeit, in der es dann heißt: „Das wahre Leben, das endlich entdeckte und erhellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben ist die Literatur: jenes Leben, das in gewissem Sinn jederzeit allen Menschen so gut wie dem Künstler innewohnt. Sie sehen es aber nicht, weil sie es nicht zu erhellen versuchen.“ Prousts Roman ist Kunst- und Zeitgeschichte, Technik- und Sozialgeschichte in einem, d. h. in einem unauslotbaren Kunst- und Lebenswerk.

Peter Natter

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