„Beides ist wie eine Droge für mich“

Kultur / 20.11.2022 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
„Beides ist wie eine Droge für mich“
Alfred Huber ist Composer in Residence des Wiener Concert-Vereins und der Europäischen Wochen Passau.

Huber lebt mit Leidenschaft seine beiden Berufe als Neurochirurg und Komponist.

KEMPTEN Ärzten sagt man gerne ein Naheverhältnis zur Musik nach. Es dürfte aber wenige geben, bei denen ihre spezialisierten Berufe so eng miteinander verknüpft sind wie beim gebürtigen Linzer Dr. Alfred Huber, der in Feldkirch ausgebildet wurde und in Kempten und Lindenberg praktiziert. Ist er nunmehr komponierender Arzt oder ordinierender Musiker?

Was war zuerst da, die Henne oder das Ei, der Arzt oder der Komponist?

HUBER Als ich im Alter von etwa 17 den „Doktor Faustus“ von Thomas Mann gelesen hab, war die Berufsentscheidung zum Arzt längst gefallen. Dennoch fanden gerade in dieser Zeit meine ersten Tonsatzübungen ganz im Privaten statt. Nach der Lektüre war ich ein anderer Mensch.  Wieso also nicht zwei Ziele im Leben haben? Beide Berufe sind tief humanistisch geprägt. Alles geschieht in einem dialektischen Verhältnis zwischen Arzt und Patient, beziehungsweise Komponist und Zuhörer.

Wie lassen sich Ihre beiden Berufe rein praktisch gemeinsam ausüben, beide verlangen ja ein ausgeprägtes Spezialistentum, enorm viel Zeitaufwand?

HUBER Das Stichwort ist Zeitmanagement. Ich hab schon elektronische Notizbücher verwendet, da konnten die meisten „Palm“ noch nicht einmal buchstabieren. Genauso in der Musik. Der Einsatz von zeitsparender Elektronik ist keine Frage der Inspiration, sondern eine der Effizienz.

<p class="caption">Das Artis-Quartett: Peter Schuhmayer (Violine), Johannes Meissl (2. Violine), Herbert Kefer (Viola) und Othmar Müller (Violoncello).<span class="media-container dcx_media_rtab" data-dcx_media_config="{}" data-dcx_media_type="rtab"> </span><span class="marker"><span class="copyright">NANCY HOROWITZ</span></span></p>

Das Artis-Quartett: Peter Schuhmayer (Violine), Johannes Meissl (2. Violine), Herbert Kefer (Viola) und Othmar Müller (Violoncello). NANCY HOROWITZ

Gibt es auch Synergieeffekte innerhalb Ihren beiden Tätigkeiten?

HUBER Mein Hang zu den Neurowissenschaften hat sich natürlich früh auf meine Sicht auf die Musik ausgewirkt. Ich will dem Zuhörer eine Geschichte erzählen, genauso, wie ich als Arzt vom Patienten verstanden werden will. Musik hat wie Medizin eigene Kodizes, die verstanden werden wollen. Ich kann als Arzt nicht erfolgreich heilen, wenn mich der Patient nicht versteht, genauso ist es mit meiner Musik und ihren Zuhörern.

Sind Sie heute eigentlich als gefragter Arzt mit Ihren Wirbelsäulen-Operationen oder als Komponist aufregend neuester Musik bekannter und erfolgreicher?

Fragen Sie am besten Google, von wo auf meine beiden Homepages am meisten zugegriffen wird … Fest steht jedenfalls, dass man als Arzt deutlich sorgenfreier leben kann denn als Komponist, was ich für einen mittleren Skandal halte. Beides ist wie eine Droge für mich. Als ich letztes Jahr entscheiden sollte, schon früher in Pension zu gehen, was aufgrund der Angebote für meine Praxis durchaus möglich gewesen wäre, hab ich mir ein Leben nur als Komponist vorgestellt und entschieden, beides so lange wie möglich zu machen.

Warum hat die Neue Musik beim Publikum bis heute eigentlich einen so schlechten Ruf?

HUBER Weil das Publikum unter neuer Musik immer noch jene Avantgarde versteht, die gut 20 Jahre zurückliegt. Sehen Sie sich doch die Begeisterung z. B. bei den Uraufführungen meines Lehrers Herbert Willi an oder kommen Sie zu Aufführungen meiner Musik. Kommen Sie, weil Sie neugierig sind, weil Sie trotz der allgegenwärtigen Gefährdung unserer Leben und unserer Zivilisation auch an unsere Zukunft glauben – dann ist das mit dem schlechten Ruf schnell vorbei.

FRITZ JURMANN

Zur person

GEBOREN 1962 in Linz, wohnhaft in Wengen/Allgäu

AUSBILDUNG ab 1981 Medizinstudium an der Uni Wien; ab 1992 Musikstudium bei Herbert Willi am Landeskonservatorium Feldkirch

TÄTIGKEIT 1992 – 96 Oberarzt im LKH Feldkirch, seit 1996 eigene neurochirurgische Praxis in Kempten; umfangreiche Werkliste aus Symphonik, Kammermusik, Musiktheater mit internationalen Aufführungen

26. November, 20 Uhr, Bregenz, vorarlberg museum: Konzert des Artis-Quartetts mit Werken von Haydn, Schostakowitsch und Alfred Huber (UA)

Eintritt frei, Spenden für das Kyiv Symphony Orchestra

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