Hinreißende Theater-Wiederentdeckung

Kultur / 21.11.2022 • 20:08 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Nurettin Kalfa spielte als Jugendlicher beim Theaterverein Motif.Vn/Hartinger
Nurettin Kalfa spielte als Jugendlicher beim Theaterverein Motif.Vn/Hartinger

Michael de Ghelderodes „Escorial“ im Theater Kosmos.

Bregenz Ein wiederentdecktes Theaterstück, wunderbare Schauspieler, tolle Kostüme (Nicole Wehinger), wummernde Rockmusik von Herwig Hammerl, eine Treppenpyramide aus Holzpaletten (Stefan Pfeistlinger) und ein Zauberer als Regisseur, dem es gelingt, dies alles zu einem gnadenlos amüsanten Theaterabend zu verbinden: „Bienvenido, willkommen in El Escorial!“. Haymon Maria Buttinger begrüßt, in Netzhemd und Sakko gewandet, mit einem fetzigen Rocksong und einem lauten Knalleffekt das Publikum im Theater Kosmos. Bald darauf hallt ein unheimliches Lachen durch den Palast, Hunde heulen, Glocken läuten. Vom Lärm geplagt wartet er auf seinem hölzernen Thron auf den Tod der Königin und befiehlt: „Im Palast stirbt man ohne Glocken.“

Narr und König

Unterhaltsam und witzig spielt der Hofnarr mit Wahrheit und Täuschung und imitiert seinen Tyrannen. Doch was eigentlich Spaß machen soll, wird zum Albtraum – denn alles muss genau nach Wunsch des Tyrannen ausgeführt werden. In der Farce kehren sich – wie üblich bei diesen Werken – die Rollen um: Der Narr erniedrigt den König und enttarnt dessen heimliche Liebschaft mit der Königin. Und so endet das Stück, wie es enden muss: „Nichtsnutze, Minister und Narren werden erdrosselt“, fasst der König den Entschluss. Große Schauspielkunst, starker Ausdruck, eine wunderbare Stimme, dies alles gepaart mit einer schier unfassbaren Bühnenpräsenz ergibt Bernd Sracnic. Wie der Grazer Schauspieler in der Rolle des Königs aufgeht, ihn leidend, prahlerisch, neurotisch und auch abgrundtief böse darstellt, ist wirklich sehenswert. Es ist dem heimischen Theaterpublikum zu wünschen, diesen großartigen Mimen in Zukunft häufiger in Vorarlberg auf der Bühne zu sehen. Nurettin Kalfa wirft sich auf die Bühnenbretter, springt vom Thron, setzt seinen Körper voll ein und spielt die Rolle des Narren Folial mit enormer Leidenschaft. Es gelingt ihm bravourös, seine Gefühlswelt von Hochgefühl auf Trauer und Niedergeschlagenheit zu wechseln. Bereits als Kind Mitglied im Theaterverein Motif, ist er mittlerweile Absolvent der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.

Conférencier, Mönch und Henker

Haymon Maria Buttinger ist Conférencier, Mönch und Henker in einem. Dem Burgschauspieler zuzusehen und vor allem zuzuhören macht immer viel Spaß, ganz besonders aber in dieser aktuellen Produktion. Silvia Salzmann als Königin ist im Hintergrund als Videoprojektion zu bewundern, auf der Bühne selbst ist sie nicht zu sehen.

„Escorial“ von Michel de Ghelderode, wiederentdeckt und mit viel Verständnis und Kreativität inszeniert von Augustin Jagg – unbedingt anschauen!

„Bienvenido, willkommen in ­El Escorial!“
„Bienvenido, willkommen in ­
El Escorial!“

Weitere Aufführungen bis zum 10. Dezember; https://theaterkosmos.at/

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