Aktionstheater Ensemble: „Die Politik braucht uns“

Kultur / 24.11.2022 • 16:45 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
<p class="caption">Martin Gruber ist mit seinem Aktionstheater Ensemble wieder in Vorarlberg. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span></p>

Martin Gruber ist mit seinem Aktionstheater Ensemble wieder in Vorarlberg. VN/Paulitsch

Theatermacher Martin Gruber stellt ein Ignorieren der Realität fest und bietet weitere Produktionen an.

Dornbirn Wer Martin Gruber bzw. die Projekte seines Aktionstheater Ensembles schon lange kennt, weiß, dass der Vorarlberger Theatermacher (geb. 1967) mit Klassikerbearbeitungen Aufmerksamkeit generiert hat. „Kain“ von Lord Byron kam einst ins Programm der Bregenzer Festspiele. Vor rund 15 Jahren begann er mit Autorinnen und Autoren – darunter Wolfgang Mörth und Claudia Tondl – zusammenzuarbeiten, in den letzten Jahren schrieb er die Texte selbst bzw. legte sie in Kommunikation mit dem Ensemble fest. „Mir ist es wichtig, nichts anzusagen, sondern etwas auszulösen“, erklärt er.

„Es ist nicht so, dass ich nicht genau weiß, was ich tue, aber die Arbeit mit meinen Künstlerinnen und Künstlern ist für mich bedeutend, ich will erfahren, was mein Gegenüber denkt.“ So sind Produktionen entstanden, denen besondere Nähe zur Gegenwart attestiert wird. Nach „Pension Europa 02“, mit treffend gesetzten, klug und ironisch aus dem Alltag gegriffenen Bemerkungen zur Politik, erhält die Reflexionsarbeit mit „Die große Show“ nun eine Fortsetzung.

Neben „Die große Show“ erfährt „Pension Europa 02“ am Spielboden eine Neuauflage. <span class="copyright">Aktionstheater/Köhler</span>
Neben „Die große Show“ erfährt „Pension Europa 02“ am Spielboden eine Neuauflage. Aktionstheater/Köhler

„Der Stoff liegt auf der Straße“, sagt Gruber. „Ich rhythmisiere und montiere das dann bis zum Gehtnichtmehr. Da wird an jedem Wort gefeilt.“ Eine Geburtstagsparty für eine Sechzigjährige, die ihr Leben Revue passieren lässt, ein junger Mann, der sich bei dieser Gelegenheit in eine schönere Welt zaubern möchte, und eine etwa Dreißigjährige, die die Performance zur Selbstoptimierung nutzen will, bilden das Grundgerüst der Szenen vor der Kulisse einer Welt, in der wir in eine Umweltkatastrophe steuern und in der unsere Nachbarn gerade einen Krieg erleiden.

Klassikern Aktualität zuzuordnen, entlarve sich für ihn mitunter als Schutzbehauptung der Theatermacher. „Ich wundere mich manchmal, wie die Realität ignoriert wird.“

„Die große Show“ wird in neuer Fassung erstmals in Vorarlberg gezeigt. <span class="copyright">Aktionstheater/Breitwieser</span>
„Die große Show“ wird in neuer Fassung erstmals in Vorarlberg gezeigt. Aktionstheater/Breitwieser

Narzissmus in der Politik

Dass Gruber nicht nur einen Drang zur Selbstoptimierung ausmacht, der schließlich zur Selbstüberforderung führt, ein Miteinander behindert und einen massiven Narzissmus erzeugt, wird schon beim Lesen des Stücktextes klar. Der Aspekt des Narzissmus in der Politik interessiere ihn besonders, weil jeder wissen müsse, dass es ein Irrtum ist, sich nur in seinem eigenen Echoraum bestätigt zu fühlen und andere Menschen und Meinungen nicht mehr wahrzunehmen. Jene, die sich nicht wahrgenommen fühlen – ob es so ist oder nicht – würden damit den Rechtspopulisten überlassen.

„Politikerbashing zu betreiben, ist mir zu blöd, denn in einer Demokratie machen wir alle Politik, aber in Gesprächen mit Politikwissenschaftlern wird mir bestätigt, dass es gar nicht mehr darum geht, nur bis zur nächsten Legislaturperiode zu denken, sondern dass nur noch auf die nächste Umfrage geschaut wird.“ Wer sich derart unter Druck setzen lässt, denke daran, seine Klientel zu bedienen, damit die Umfragewerte steigen und verbrauche dabei Ressourcen, die den anstehenden Umweltthemen oder der Bildungspolitik zu widmen wären.

Lebensnotwendiger Diskurs

Die Kulturenquete, die vom Amt der Landesregierung im Oktober dieses Jahres veranstaltet wurde, hat Martin Gruber mit der Erkenntnis verlassen, dass wesentliche Themen erst gar nicht angesprochen wurden. Zu definieren, dass sich nur ein geringer Teil der Bevölkerung für Kultur interessiere, sei schlichtweg falsch. Es gehe schließlich nicht nur um die Anzahl der Menschen, die ins Theater kommen, sondern um den Diskurs, den die Kunst auf jene Ebene bringt, auf der er berührt. „Die Politik braucht uns. Jede Politik ist gut beraten, zu wissen, dass dieser Diskurs in der Demokratie lebensnotwendig ist. Drehen wir die Situation um, schauen wir beispielsweise nach Russland, wo dieser Diskurs nicht möglich ist. Themen, die auf der Bühne behandelt werden, reichen über den Abend hinaus. In Vorarlberg sprechen mich die Leute fast täglich auf die Politik an. Intelligente Politiker wissen, dass der Diskurs eine wichtige Säule in der Demokratie ist, vor allem wenn sie so wackelig ist, wie es sich nun in Italien zeigt.“

„In Vorarlberg sprechen mich die Leute fast täglich auf die Politik an.“

Martin Gruber, Leiter des Aktionstheaters

Uraufführung von „Die große Show“ am 29. November am Dornbirner Spielboden sowie „Pension Europa 01 + 02“ ab 1. Dezember

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