Wo das Private politisch wird

Kultur / 02.12.2022 • 18:15 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Michaela Bilgeri und Babette Arens in der Neuinszenierung von „Die große Show“. VN/Paulitsch
Michaela Bilgeri und Babette Arens in der Neuinszenierung von „Die große Show“. VN/Paulitsch

Mit „Die große Pension Europa Show“ bleibt das Aktionstheater ein treffsicherer Fragesteller.

Dornbirn Nein, da wurde nichts Tiefgefrorenes wieder aufgetaut. Der Titel „Die große Show“ (uraufgeführt Anfang dieses Jahres in Wien und vor der Vorarlberg-Premiere von der Pandemie ausgebremst) ist Beobachtern der Aktivitäten des Aktionstheater Ensembles bekannt. Insider haben auch beide Teile von „Pension Europa“ gesehen. Was nun am Dornbirner Spielboden als Neuinszenierung präsentiert wurde, zählt nicht zu jenem Aufgewärmten, das mit ein paar weiteren Zutaten oftmals durchaus gut wird: „Die große Pension Europa Show“, bestehend aus zwei Stücken, ist mehr, erweist sich als kompaktes Format, das weder Patina noch ein Ablaufdatum erkennen lässt. „Pension Europa 01“ wurde vor acht Jahren im Rahmen des Festivals Bregenzer Frühling uraufgeführt und für den Nestroy-Preis nominiert, den das Ensemble dann ein Jahr später für „Kein Stück über Syrien“ bekam.

Herkunft, Integration, Respekt

Damals stand man gerade vor einer Europawahl. Während man sich über die Optimierung des Körpers unterhielt oder von Reisen nach Ägypten erzählte, kristallisierten sich Themen wie Herkunft, Integration, Respekt, Rassismus und Diskriminierung heraus. Sie treffen nach wie vor und sind angesichts der Entspanntheit des Vortrags von Zeynep Alan, Michaela Bilgeri, Isabella Jeschke, Kirstin Schwab und Benjamin Vanyek auch ein exzellentes Mittel, um aufzuzeigen, woran es wirklich fehlt, während sich viele Theater derzeit mit einer sicher wichtigen, aber völlig unentspannt geführten Diskussion über Black Facing und Diversität blockieren.

In der Lockerheit, mit der sexuelle Identitäten bzw. gelebte Orientierungen über Ausstattungselemente oder choreografische Aspekte einfließen, zeigt „Europa 01“ neue, gut beobachtete Facetten. Da darf der erwähnte Zeus, der sich der Königstochter Europa in Gestalt eines Stieres bemächtigen konnte, nun ruhig zur Lachnummer verkommen.

So lang eindeutig klar bleibt, dass Regisseur Martin Gruber keinerlei Zuschauerprojektionen schürt, wenn er seine Akteurinnen nahezu hüllenlos auftreten lässt, dass er es gegebenenfalls nur auf die Entblößung des Publikums abgesehen hat, ist nichts Plakatives zu erkennen. Man begibt sich auf dünnes Eis, weiß aber genau, wann es einbrechen könnte.

Aisha Eisa agiert mit großer Stimme und die Musiker Dominik Essletzbichler, Christian Musser, Daniel Neuhauser, Gidon Oechsner, Daniel Schober und Pete Simpson bilden mit rockigem Sound ein Bindeglied zwischen den beiden Produktionen. Ein weiteres zeigt sich im Spiel über die Performancetradition in Österreich inklusive fäkaler Ingredienzien, die in der Kunstgeschichte dokumentiert sind. Und wieder wird der Spieß umgedreht, schlägt Michaela doch vor, den Besuchern das Eintrittsgeld zurückzuerstatten, sofern sie es schaffen, die Münzen aus jenen Verdauungsresten zu klauben, die sie produziert, nachdem sie den Inhalt der Theaterkasse verspeist hat.

Subtiles Machtspiel

Klingt abwegig, ist es aber nicht, wenn der Spaß in „Die große Show“ erst einmal so richtig in Fahrt kommt, erleben wir nicht jene Ernüchterung, die sich so oft bei oder nach ausgelassenen Festen in der Theaterliteratur breit macht, sondern ein subtiles Machtspiel. Babette feiert den 60. Geburtstag, Michaela moderiert den Abend und gefällt sich zunehmend in der Rednerinnenrolle, in der ihr Aufmerksamkeit zukommt. Was charmant wirkt, erweist sich als bitterböse ,ohne dabei ins Abgründige zu kippen.

Gerade im Bereich, in dem das Private politisch wird, steigern sich Babette Arens und Michaela Bilgeri in ihren Bemerkungen über Geben, Nehmen und Beachtung in einen fein ziselierten, aber scharfen Zynismus. Nicht die sprachliche Zuspitzung macht ihn im Besonderen erkennbar, es ist das Zusammentreffen von Text, Dialogtempo und Bewegungschoreografie sowie von den Bildern, die der verträumte Raphael Macho mit seinen Zaubereien erzeugt, mit dem sich das Aktionstheater – dieses Mal wieder in der Ausstattung von Valerie Lutz mit Videos von Resa Lut – von einer seiner besten Seiten zeigt. Es ist gut, bei der Neubearbeitung des Stücks einiges eliminiert zu haben, was die gezielte Fragestellung vernebeln könnte, „Die chancenlos sind“ von Jacques Brel durfte zu Recht bleiben.

Trifft noch: Szene aus der Neuinszenierung von „Pension Europa 01“.
Trifft noch: Szene aus der Neuinszenierung von „Pension Europa 01“.

Weitere Aufführung am 3. Dezember, 20 Uhr am Dornbirner Spielboden.

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