Diese Stimmen sind enorm wichtig

Kultur / 04.12.2022 • 10:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Ausstellung "Zwischen den Welten" im Frauenmuseum Hittisau bietet Einblicke in das Leben von Frauen in Österreich. <span class="copyright">CD</span>
Die Ausstellung "Zwischen den Welten" im Frauenmuseum Hittisau bietet Einblicke in das Leben von Frauen in Österreich. CD

Frauenmuseum Hittisau konfrontiert mit Erzählungen von Frauen, die vor 1935 geboren wurden.

Hittisau In ihrem Personaldokument steht der Name Ernestine Goldmann, als die österreichische Schauspielerin einmal mit einem Herrn Riedmann auf der Bühne stehen sollte, entschied die Theaterleitung, dass zwei Personen mit einem „Mann“ im Namen nicht auf dem Theaterzettel aufscheinen können. Nicht für ihn, sondern für sie wurde nach einem anderen Namen gesucht.

Zu ihrem 90. Geburtstag stand Erni Mangold in „Harold und Maude“ auf der Bühne der Kammerspiele, dem kleinen Haus des Wiener Theaters in der Josefstadt. Im Anschluss wurde ihr der „Goldene Rathausmann“ verliehen. Ein „adäquates Geschenk“, erklärte sie damals allen, die den Abend miterleben durften.

Es ist ratsam, viel Zeit für den Besuch der bereichernden Ausstellung "Zwischen den Welten" im Frauenmuseum Hittisau einzuplanen. <span class="copyright">CD</span>
Es ist ratsam, viel Zeit für den Besuch der bereichernden Ausstellung "Zwischen den Welten" im Frauenmuseum Hittisau einzuplanen. CD

Erni Mangold, 1927 geboren, zählt zu den prominenten Interviewpartnerinnen von Nurith Wagner-Strauss für das Projekt „Zwischen den Welten“. 23 Frauen, geboren vor 1935, erzählen aus ihrem Leben. 23 Hörstationen ergeben nun im Frauenmuseum Hittisau eine bestens gestaltete Ausstellung, die sich Aspekten der Geschichte des Landes widmet, die als Stimmen von Frauen oft nur am Rande Erwähnung finden. So erzählt die Wienerin Rita Klobassa, dass sie als Sympathisantin der Kommunisten, als die sie der Partei allerdings auch kritisch gegenüberstand, in den Kriegsjahren den katholischen Religionsunterricht besuchte, weil dies die Nazis ablehnten. Sozusagen als kleiner persönlicher Protest.

Zeitzeuginnen

Dass Erni Mangold den Hitlergruß verweigerte, hat sie mehr als einmal in Schwierigkeiten gebracht. Sie habe sich dann einfach dumm gestellt. Im Jahr 1945 durfte sie aufatmen, wenige Jahre später habe sie allerdings erkennen müssen, dass „die alten Nazis wieder da waren“. Deren Vernichtungsprogramm entkam Helga Feldner-Busztin nur knapp, als Jugendliche wurde sie nach Theresienstadt gebracht, wo sie unter schweren Arbeitsbedingungen ums Überleben kämpfte. Erika Freeman, 1927 in Wien geboren, konnte vor den Nazis nach New York flüchten. Als Psychoanalytikerin erreichte sie in den USA einen hohen Bekanntheitsgrad. Dem Land, das sie noch als Kind verlassen musste, tat sie in den letzten 20 Jahren als Zeitzeugin viel Gutes. Mit großer Offenheit spricht sie über das Gebot der Menschlichkeit in den Religionen und die Bestrebungen der Frauen um Gleichberechtigung. Die eigene Mutter war das Vorbild für die Figur Yentl im gleichnamigen Film von Barbra Streisand, der von einer jungen Frau handelt, die, verkleidet als Mann, an einer jüdischen Hochschule studiert.

Anteil nehmen

„Alle waren wir Schlüsselkinder“, erzählt Ingeborg Jagenbrein von einem Aufwachsen in Wien in einem Umfeld, in dem Frauen nicht nur die Familie versorgten, sondern auch als Mütter mehrerer Kinder erwerbstätig waren. Das Projekt „Zwischen den Welten“ bietet Einblicke in den Alltag und konfrontiert mit Lebensbedingungen, die sich als enorme Bereicherung der dokumentierten geschichtlichen Daten erweisen. Es ist die persönliche Wahrnehmung von Frauen, deren Wert offenkundig wird und der auch durch das Format zum Ausdruck gebracht wird. Es wird nicht insistiert, nicht unterbrochen, es wird Anteil genommen. Wer vor 1935 geboren wurde, hat den Krieg erlebt, oft die Flucht, hat Verluste erlitten und weiß, dass trotz des gesellschaftlichen Wandels in den 1960er- und 1970er-Jahren Ungleichheit zwischen Frauen und Männern bestand bzw. noch besteht.

Porträt von Hedwig Hagspiel aus Hittisau. <span class="copyright">CD</span>
Porträt von Hedwig Hagspiel aus Hittisau. CD

Berührend lässt uns Hedwig Hagspiel, geboren 1929, an ihrer Kindheit im Bregenzerwald teilhaben, an der Tatsache, wie die Natur den Alltag beeinflusste und an den kleinen Möglichkeiten, die Lebensentwürfe selbst mitzugestalten. Erni Mangold bringt beispielgebend ein großes Thema auf den Punkt: Sie habe sich erst mit 50 Jahren emanzipiert, sich von Männern im Privatleben wie im Beruf nichts mehr vorschreiben lassen, gibt sie zu. Sie müsse eben besser verhandeln, hieß es, als sie merkte, dass ihre Gage weit unter jener Summe lag, die ihr Bühnenpartner für eine vergleichbar große Rolle bekam.   

Erzählt wird von einem oft entbehrungsreichen Leben, von Flucht, Verlusten, dem Beitrag zur gesellschaftlichen Veränderung und dem Kampf um mehr Rechte. <span class="copyright">CD</span>
Erzählt wird von einem oft entbehrungsreichen Leben, von Flucht, Verlusten, dem Beitrag zur gesellschaftlichen Veränderung und dem Kampf um mehr Rechte. CD

Frauen mussten ihre Stimme erheben und haben es getan. Nurith Wagner-Strauss verschafft ihnen Raum. Als Fotografin sind ihr zudem Porträts gelungen, die sich – im Ausstellungsraum großflächig aufgezogen – einprägen wie die Erzählungen. Auch wenn das Frauenmuseum dafür gesorgt hat, dass Besucherinnen und Besucher die 23 Geschichten per QR-Code zu Hause weiterhören können, sei zum langen Verbleib in Hittisau geraten. Mehrmals zu kommen, ist auch eine Option. Nach der ersten Präsentation des Projekts in Vorarlberg ist eine Übernahme an weitere Orte in Planung, wie Stefania Pitscheider Soraperra, die Direktorin des Frauenmuseums, den VN bestätigte.

Ausstellung „Zwischen den Welten“ im Frauenmuseum Hittisau bis 18. Juni 2023, Di bis So, 10 bis 17 Uhr.

Nurith Wagner-Strauss hat die Frauen porträtiert und zeigt damit wesentliche Aspekte der Geschichte des Landes. <span class="copyright">CD</span>
Nurith Wagner-Strauss hat die Frauen porträtiert und zeigt damit wesentliche Aspekte der Geschichte des Landes. CD

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