„Mehr als gewohnt“ fordert ein Mehr im Wohnbau

Kultur / 04.12.2022 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ein besonders schönes Projekt ist das Quartier Schillerallee in Hohenems.<br><br><span class="copyright">Karin Nussbaumer</span>
Ein besonders schönes Projekt ist das Quartier Schillerallee in Hohenems.

Karin Nussbaumer

Sehenswerte Ausstellung im vai Vorarlberger Architektur Institut.

Dornbirn Die Wohnungsnot ist ein großes Problem in vielen Städten weltweit, das Schaffen von Wohnraum eine der vornehmsten und schönsten Aufgaben der Architektur. Der Wohnbau steht dabei unter großem Druck, da immer mehr Menschen eine bezahlbare Bleibe suchen. Die Preise für Boden und Bau sind in den letzten Jahren stark gestiegen, und es wird immer schwieriger, leistbaren Wohnraum zu finden. Aufgrund der gestalterischen Qualität von Bauten, der Einbeziehung der Umgebung sowie der sich wandelnden Wohnbedürfnisse spielen diese Themen bei uns bislang eine untergeordnete Rolle. Die fehlende Auseinandersetzung mit diesem Aspekt wird immer deutlicher wahrnehmbar. Der Fokus liegt noch nicht ausreichend auf Quartieren oder Phänomenen wie der Veränderung der Haushaltstypen, dem Vordringen der Arbeitssphäre in das private Wohnen sowie voranschreitender Individualisierung der Gesellschaft.

Das Quartier Garmisch in Garmisch-Partenkirchen, Deutschland.<span class="copyright">Stefan Müller-Naumann</span>
Das Quartier Garmisch in Garmisch-Partenkirchen, Deutschland.Stefan Müller-Naumann

Neue Formen des Nachbarschaftslebens, hochwertige Zwischenräume und belebende Nutzungsmischung oder neue flexible Grundrisstypologien werden in unserer unmittelbarer Nachbarschaft in der Schweiz, aber auch in Bayern bereits erfolgreich umgesetzt. In Vorarlberg gelingt es jedoch kaum, mit wenigen Ausnahmen, kompaktere Form des Wohnens im Spannungsfeld von Privatheit und Gemeinschaft zu etablieren. In der Regel wünschen sich die Menschen ein Einfamilienhaus und konventionelle Grundrisseinteilungen. Dadurch entstehen immer häufiger sich ständig wiederholende, architektonisch verarmte “Kleinwohnanlagen”.

Das Stiegenhaus im Projekt Rigaud 55 in Chêne-Bourgeries, Schweiz.<span class="copyright">Johannes Marburg</span>
Das Stiegenhaus im Projekt Rigaud 55 in Chêne-Bourgeries, Schweiz.Johannes Marburg

Die aktuelle Ausstellung des vai Vorarlberger Architektur Institut „Mehr als gewohnt“ greift diese Entwicklungen auf und fordert ein „Mehr“ im Wohnbau: mehr gestalterische Qualität, mehr Räume für gesellschaftliche Teilhabe und Interaktion, mehr Nutzungsflexibilität und Offenheit für neue Wohnbedürfnisse. Die Ausstellung wirft einen Blick auf die Wohnbaugeschichte und Typologieentwicklung in Vorarlberg und präsentiert gelungene Beispiele. Ein „Einblick“ lädt ein, in verschiedene Grundrisstypen und Wohnformen einzutauchen. Mit der Frage „Wie wollen wir wohnen?“ werden schlussendlich die wichtigsten Felder der Debatte und ihre Wechselwirkungen vorgestellt.

Überblick – Zur Entwicklung des Wohnbaus in Vorarlberg

Mit Bevölkerungswachstum und neuen Familien- und Haushaltsstrukturen ist der Bedarf an Wohnraum auch in Vorarlberg immens gestiegen. Die zunehmende Zersiedlung während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stößt nun endgültig räumlich, ökonomisch und ökologisch an ihre Grenzen. Die Ausstellung wirft einen Blick in die Wohnbaugeschichte und zeigt die wesentlichsten Veränderungen und Hintergründe auf – von den frühen Arbeiterwohnsiedlungen Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute.

Die Ausstellung im vai Vorarlberger Architektur Institut dauert bis zum 1. April 2023.  <span class="copyright">Darko Todorovic</span>
Die Ausstellung im vai Vorarlberger Architektur Institut dauert bis zum 1. April 2023. Darko Todorovic

Der Wandel bei den Wohn- und Lebensvorstellungen hat die Auswirkung, dass Städte beziehungsweise Dörfer dichter und zugleich nutzungsoffener werden sollten. Orte des täglichen Bedarfs sollen möglichst zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar sein. Nachbarschaft wird wieder als Bereicherung verstanden, Privatheit und Gemeinschaft nicht als unüberwindbarer Widerspruch. Die präsentierten Projekte setzen sich mit Bestand, Innenverdichtung und Mobilität auseinander, erproben gemeinschaftliche Wohnformen wie neue Finanzierungskonzepte, thematisieren die Erschließungs- und Zwischenräume als Zonen der Begegnung und des Austauschs und zeigen im Ergebnis auf: Wohnen kann mehr sein als ein Rückzugsort und Anlageobjekt.

Einblick – Formenvielfalt des Wohnens

Die Gesellschaft, die Nutzergruppen und ihre Ansprüche wandeln sich, Arbeit und Freizeit verschränken sich. Engagierte Architekten reagieren darauf mit neuen oder wiederentdeckten Lösungen auf Wohnbedürfnisse: flächensparend und qualitätsvoll, städtisch, doch möglichst lärmabgewandt, flexibel – nach Bedarf getrennt oder doch verbunden, gemeinschaftlich, offen und doch privat und vieles mehr. Die in diesem Ausstellungsteil gezeigte Auswahl soll Lust machen, Wohnräume vielfältiger zu denken.

Mehr als gewohnt

Eine Ausstellung des vai Vorarlberger Architektur Institut

Kurator: Clemens Quirin

Ausstellungsgestaltung: Marcella Merholz

Öffnungszeiten Ausstellung

Dienstag bis Freitag 14 bis 17 Uhr

Donnerstag bis 20 Uhr

Samstag 11 bis 15 Uhr

an Feiertagen geschlossen

Ausstellungsgespräche

Donnerstag, 15. Dezember 2022, 18 Uhr

Samstag, 14. Jänner 2023, 11 Uhr

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