Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Der blutrote Bodensee

Kultur / 09.12.2022 • 18:19 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Was wir noch vor einem Jahr nicht für möglich gehalten hätten, ist nun blutige Realität geworden: Wir haben Krieg in Europa. Russland hat die Ukraine vor zehn Monaten überfallen und führt dort einen Eroberungskrieg, der alle Brutalitäten und Grausamkeiten eines Krieges mit sich bringt: Getötete Soldaten und auch viele Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, Terror in den eroberten Gebieten, Folterungen, Zerstörung ganzer Städte, der Infrastruktur von Wasser, Strom und Heizung – und das am Beginn eines in der Ukraine meist strengen Winters. Wir alle kennen die grausamen Fernsehbilder, die täglich aus dem Kriegsgebiet kommen, wir sehen, mit welcher Brutalität hier vorgegangen wird – und wir stumpfen dabei immer mehr ab. Denn wenn man täglich das Grauen vor Augen hat, dann verliert es irgendwann seinen Schrecken. Vor allem dann, wenn es doch noch ziemlich weit weg ist.

Der Krieg mag entfernt sein, doch die Kriegsgewinnler sind nahe. Von ihnen ist wenig bis kaum die Rede, von jenen Betrieben und Produktionsstätten, die den Krieg durch ihre Waffenproduktion überhaupt erst möglich machen. Bertha von Suttner, die österreichische Friedensaktivistin, schrieb zwar schon 1889 ihren Roman „Die Waffen nieder“, sie wurde auch als erste Frau 1905 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, die Wirkung ihrer Aktivitäten – und der ihrer Gesinnungsgenossen – hielt sich aber in Grenzen. Die Waffenproduktion erreichte weltweit jährlich neue Steigerungen, ebenso die Gewinne der Konzerne und Betriebe. Das gilt auch – und nicht zuletzt – für die Bodenseeregion. Den Anfang machte Ende des 19. Jahrhunderts Ferdinand Graf Zeppelin in Friedrichshafen mit seinem Luftschiff, das auch im Ersten Weltkrieg als Waffe eingesetzt wurde. Ihm folgten Hersteller anderer Fluggeräte und um den ganzen See die Produktion von Waffen. Fast dreißig Rüstungsfirmen findet man im Internet wie Perlenschnüre um den Bodensee, rund 7.000 Menschen sollen es sein, die in diesen Betrieben ihr Geld verdienen. Brave Familienväter, auch Frauen, die hier ein Produkt herstellen, mit dem in anderen Teilen der Welt – derzeit besonders, aber nicht nur in der Ukraine – andere brave Familienväter, Frauen und Kinder auf brutale Art getötet werden.

Die „Rüstungskarte Bodensee“ wies Vorarlberg bisher immer als weißen Fleck auf, doch in neuen Studien wird auch eine Firma aus Götzis aufgeführt, die seit 2007 „Laser-Duell-Simulatoren“ produziert, also nicht direkt Waffen, aber Trainingsgeräte, damit man Waffen nachher „zielsicher“ einsetzen kann. Vorarlberg hat damit seine weiße Weste auch in dieser Sache verloren.

Ein kleines Stück Hoffnung: Neben der „Waffenschmiede Bodensee“ gibt es auch die „Friedensregion Bodensee“, die sich seit Jahren für Frieden und gegen die Waffenproduktion in unserer Region einsetzt. Man will hoffen, dass ihre Wirkung nachhaltiger wird als jene vieler anderer Friedensaktivitäten, damit der Bodensee wieder blau und nicht mehr blutrot sei.

„Fast dreißig Rüstungsfirmen findet man im Internet wie Perlenschnüre um den Bodensee.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.

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