Der Goldschmied seines Glücks

Kultur / 09.12.2022 • 16:44 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Die Mariazeller Monstranz, das bekannteste Werk aus der Werkstätte des Juweliers Franz Halder (1912).
Die Mariazeller Monstranz, das bekannteste Werk aus der Werkstätte des Juweliers Franz Halder (1912).

Besonders für die vornehmen Wiener Juweliere war Weihnachten Hochsaison. Adel und Großbürgertum taten es dem Kaiser Franz Josef gleich, der für seine Frau Elisabeth und für seine Freundin Katharina Schratt Unsummen für Schmuck auslegte. Die edelsten Geschenke lieferte das Haus Köchert, ein Schmuckgeschäft, das um 1890 an die 50 Goldschmiede beschäftigte. Einer davon war der Bregenzer Franz Halder.

Halders Eltern war nur ein kurzes und glückloses Leben vergönnt gewesen. Plazidus Halder aus Langen hatte 1856 Barbara Sieber von der Fluh geheiratet und sich als Schmied im Wirtatobel niedergelassen. Bereits 1863 brannte die Schmiede nieder und die Familie versuchte einen Neustart mit einem Betrieb in Rankweil. Der Handwerker konnte aber seine Gläubiger nicht bedienen, schlitterte in Konkurs und fand mit seiner Frau und inzwischen vier Kindern eine vorläufige Bleibe in Hörbranz. Hier wurde Franz Josef Halder am 21. November 1865 geboren. Als er noch nicht zwei Jahre alt war, starb die Mutter und die fünf Halder-Kinder wurden auf verwandte Familien aufgeteilt. Der kleine Franz wuchs bei einer Tante in Bregenz auf. 1869 starb auch der Vater, der in Bayern sein Glück zu schmieden versucht hatte.

Nach der Schulentlassung absolvierte Franz Halder eine Lehre als Goldarbeiter in der Bregenzer Niederlassung der Firma Gülich und Denning. Die Ausbildung zum Goldarbeitergesellen dauerte damals sechs Jahre, wer vorzeitig abbrach, musste eine hohe Pönale zahlen. Halder erwies sich als strebsam und geschickt und durfte deshalb im letzten Lehrjahr im Pforzheimer Stammhaus der Firma erweiterte Kenntnisse und Erfahrungen sammeln.

1885, unmittelbar nach dem Abschluss der Ausbildungszeit, begab sich der ehrgeizige junge Goldschmied in die österreichische Residenzstadt, weil er sich dort zurecht höhere sportliche Herausforderungen und bessere berufliche Chancen erhoffte. Unter dem Einfluss der deutschen Goldarbeiter in Bregenz war Halder ein begeisterter Turner geworden, der sich aber bald auf leichtathletische Wettkämpfe konzentrierte. In Wien schloss er sich gleich dem Ersten Wiener Turnverein an und nahm an Wettkämpfen im In- und Ausland teil. Im Herbst 1890 gewann er am internationalen Kyffhäuser Sportfest, das von den besten deutschen und amerikanischen Athleten beschickt war, als erster und einziger Österreicher eine leichtathletische Disziplin, nämlich das Speerwerfen.

Neben dem Turnverein fand er auch im Verein der Vorarlberger nicht nur gesellschaftlichen Anschluss, sondern bald auch eine Frau. Bei einer Veranstaltung des Vereins hatte er Franziska Weitmann kennengelernt und 1891 geheiratet. Der Vater der Braut entstammte einem fahrenden Toggenburger Scherenschleifer-Geschlecht. Dessen Eltern hatten sich in Sulz niedergelassen und waren in den dortigen Gemeindeverband aufgenommen worden. Andreas Weitmann (1837-1908) hatte es in Wien als Messerschmied und -schleifer zu einem eigenen Geschäft gebracht. Je mehr sich seine Gattin zu einer tüchtigen Geschäftsfrau entwickelte, konnte sich Weitmann der Politik widmen; und das auf recht zweifelhafte Art. Mit anderen Handwerkern gründete er die Wiener Antisemitenpartei, die sich schließlich mit der christlichsozialen Partei von Bürgermeister Lueger zusammenschloss. Die neue Allianz brachte Weitmann einen Sitz im Wiener Stadtrat und ein persönliches Naheverhältnis zu Lueger. Als man den Mandatar einmal als Tiroler bezeichnete, bestand er ausdrücklich darauf, dass er aus Vorarlberg stamme und stolz darauf sei, dass er in jener Gemeinde geboren wurde, aus der man im 17. Jahrhundert die Juden vertrieben habe. Seiner einzigen Tochter hinterließ der umtriebige Antisemit ein bedeutendes Vermögen.

Nach zehn Jahren als Angestellter bei den beiden angesehensten Wiener Juwelieren ergab sich für Halder die Möglichkeit zur beruflichen Selbständigkeit. Der Juwelier Josef Sonsky verkaufte sein Geschäft in der Reitschulgasse 4, also unmittelbar neben der Hofburg. An dieser exklusiven Adresse begann Franz Halder neben Schmuck für Frauen neue Kundensegmente zu bedienen. Selbst inzwischen zu einem begeisterten Jäger geworden, wurde der Jagd- und Trachtenschmuck eines seiner Geschäftsfelder. Dazu zählten Fassungen für Wildzähne und Geweihteile, Jagdabzeichen für adelige Familien, Hutnadeln und seine bekannteste Kreation, die sogenannte Haldersau, ein glücksbringendes Amulett für Jagende, darstellend ein stirlingsilbernes Wildschwein mit Hirschgeweih und Gamshörnern (Krucken), erhältlich als Hutschmuck oder Brosche. Halders Begeisterung für die Jagd und sein Jagdschmuck verschafften ihm die nähere Bekanntschaft des leidenschaftlichsten Jägers, des Thronfolgers Franz Ferdinand. Mit ihm war er mehrfach auf der Pirsch und der Erzherzog zählte auch zu Halders zahlungskräftigen Kunden. Über ihn habe der Juwelier – so eine Zeitung – vieles zu erzählen gewusst, das „diese umstrittene Persönlichkeit in einem wesentlich anderen Lichte erscheinen ließ“. Diese Einschätzung zählte umso mehr, als ihm als Charakteristikum „ein klarer Blick für Verhältnisse und Menschen“ nachgesagt wurde.

In Klamm am Semmering besaß Halder ein eigenes Jagdhaus, in dem er als Gastgeber für die jagende Kundschaft fungierte. In der dortigen Kapelle heiratete er nach dem Tod seiner Gattin die verwandte Maria Präg aus Bregenz. Bereits 1901 hatten Franz und Franziska Halder ein repräsentatives Haus in Hütteldorf erworben und damit den sozialen Aufstieg sichtbar gemacht.

Den zweiten bedeutenden Kundenkreis bildeten Sport- und gemeinnützige Vereine, die beim bekannten Goldschmied Leistungs- und Ehrenabzeichen sowie Anstecknadeln entwerfen und fertigen ließen. So gab etwa die Stadt Bregenz anlässlich des 40-jährigen Bestandes der freiwilligen Feuerwehr im Jahr 1901 ein Ehrenzeichen für die noch lebenden Gründungsmitglieder in Auftrag. Und der Verein der Vorarlberger in Wien orderte bei Halder einen wertvollen Brillantring für den Ehrenobmann Casimir Hämmerle. Aber auch die öffentliche Hand wusste die kunsthandwerklichen Fähigkeiten Halders zu schätzen: Anlässlich der ersten Landung Graf Zeppelins mit seinem Luftschiff in Wien erhielt dieser vom Wiener Bürgermeister eine „wertvolle Kassette“ aus der Werkstatt Halders.

Ein dritter Bereich, in dem der vielseitige Goldschmied seine Meisterschaft beweisen konnte, war die sakrale Kunst. Es waren besonders zwei Objekte aus seiner Werkstatt, die über Wien hinaus strahlten. Zum einen die prunkvolle Mariazeller Monstranz, zum anderen ein Reliquiar mit Reliquie des Heiligen Leopold, beides entworfen vom Architekten Karl Holey. Die Monstranz mit 4000 unterschiedlichen gefassten Steinen bildete das Hauptwerk der großen Wiener Ausstellung christlicher Kunst 1912 und wurde zum Teil mit Preziosen aus dem Kirchenschatz von Mariazell bestückt. Das Reliquiar war eine österreichische Spende an den Campo Santo in Rom. Verarbeitet wurden vergoldetes Silber, Elfenbein, Edelsteine und Perlen.

Franz Halder war aber nicht nur auf seinen Geschäftserfolg fixiert. In der Genossenschaft der Juweliere kümmerte er sich sehr engagiert um das Ausbildungswesen und unterstützte die Fachschule mit erheblichen finanzielle Zuwendungen. Im Verein der Vorarlberger war er sowohl wegen seiner Spenden für bedürftige Studenten als auch wegen seines „heiteren Wesens ein gern gesehener Gast“ und vor allem auch großzügiger Gastgeber für seine Landsleute.

1921 übergab er das Geschäft an seinen Sohn und verbrachte zunehmend Zeit in seiner Heimatstadt am Bodensee. Hier hatte er 1919 die Villa Gravenreuth erworben. Als Mitbewohner nahm er mit Professor Ludwig Mähr einen anderen Wienheimkehrer ins große Haus.

Nach seiner Rückkehr nach Bregenz blieb ihm nicht mehr viel Zeit. Am 9. November 1927 verstarb er unerwartet in Lindau. Die Fachzeitung der österreichischen Juweliere rühmte ihm „eisernen Fleiß, einen das gewöhnliche Maß weit übersteigenden Geschmack und streng korrekte Geschäftsführung“ nach. Diese Eigenschaften und sein einnehmendes Wesen hatten ihm Türen in der Hauptstadt geöffnet, hinter denen er beruflichen Erfolg und privates Glück fand.

Ein befreundeter, ungenannter Gelegenheitsdichter widmete dem verschiedenen Franz Halder in der Zeitschrift „Heimat“ ein elegisches Abschiedsgedicht:

Es war ein Herbsttag – grau in grau

Der Park ist schon entlaubt, der erste Schnee

Liegt in den Tannen.

Mich friert –

Auf schwarzverhangnem Wagen führen

Sie heut den Herrn von Gravenreuth hinaus –

Und meinen besten Freund.

Die letzten Blumen, die im Garten blühten

Legt man in Kränzen auf den Hügel ihm –

Ich leg dazu

Mein letztes Lied.

Aktuelle Geschäftsfassade in Richtung Michaelerplatz. 1989 wurde das Geschäft von Frau Katharina Sturzeis von den Halder-Nachkommen übernommen. Jetzt führt sie es mit ihrer Tochter Huberta.
Aktuelle Geschäftsfassade in Richtung Michaelerplatz. 1989 wurde das Geschäft von Frau Katharina Sturzeis von den Halder-Nachkommen übernommen. Jetzt führt sie es mit ihrer Tochter Huberta.
Villa Gravenreuth oberhalb des Seeufers zwischen Lochau und Bregenz. Von Franz Halder 1919 als Alterssitz erworben.
Villa Gravenreuth oberhalb des Seeufers zwischen Lochau und Bregenz. Von Franz Halder 1919 als Alterssitz erworben.
Ein gemachter Mann: Der erfolgreiche Juwelier Franz Halder 1919 in Bregenz anlässlich des Villenkaufs.
Ein gemachter Mann: Der erfolgreiche Juwelier Franz Halder 1919 in Bregenz anlässlich des Villenkaufs.

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