Wo die Menschen wie Blätter treiben

„Zwei Frauen, ein Leben“ von Daniela Egger.
Bregenz Die Vorarlberger Autorin Daniela Egger schreibt Hörspiele, Drehbücher, Erzählungen und Theaterstücke. Dass Stephanie Gräve, Intendantin des Vorarlberger Landestheaters, sie bat, ein Theaterstück über Kundeyt Surdum zu schreiben, erwies sich als Glücksfall. Sowohl das Thema als auch dessen Umsetzung sind außergewöhnlich.
Kundeyt Şurdum (1937-2016) hatte in der Türkei Germanistik, Kunstgeschichte und Archäologie studiert, wollte auf die Filmakademie, als er aus politischen Gründen die Türkei verlassen musste. Kundeyt zog gemeinsam mit seiner Frau Ayse nach Vorarlberg, wo er begann, Gedichte, Hörspiele, Reden und Prosatexte zu schreiben, zudem hatte er beim ORF eine eigene Radiosendung. Auch Ayşe hatte anfänglich große Pläne: Die angehende Künstlerin, die zuvor eine Kunstschule in Izmir besucht hatte, wollte malen, studieren, arbeiten. Aber in einem Land, in dem es keine Universitäten gab und das noch nicht einmal Deutschkurse anbot, musste sie ihre Träume begraben.

„Zwei Frauen, ein Leben“ handelt von dieser Frau, die in ihrer Vorarlberger Wohnung auf ein Fernsehinterview wartet, in dem es um ihren Mann gehen soll. Während sie in dessen Werken und Gedichten blättert, steht statt des Journalisten wie aus dem Nichts eine junge Frau aus der Türkei vor ihr. Mit der Zeit wird beiden klar, dass sie aus unterschiedlichen Perspektiven auf ein und dasselbe Leben blicken, in die Zukunft, in die Vergangenheit. Die junge Ayşe hat sich gerade verlobt und plant, mit ihrem künftigen Ehemann nach Österreich zu gehen. Sie hat viele Fragen und ihr älteres Ich die passenden Antworten: Soll sie die Türkei verlassen? „Es ist kein Fehler, zu gehen. Trotzdem ist der Verlust der Heimat größer, als man denkt. Ein Verlust, der sich allmählich bemerkbar macht.“

Egger versteht es außerordentlich gut, das Leben eines Menschen aus zwei unterschiedlichen Lebensphasen ineinander zu verweben. Ihr Text entwickelt eine Sogwirkung, die Gespräche sind in Prosa, aber einzelne Sätze wie Poesie: “Seine Sprache war für mich die wahre Heimat”, lässt sie die ältere Ayşe sagen.
Die junge Ayşe wird von Ümran Algün großartig dargestellt. Sie zeigt eine Frau in den vielen Facetten und mit den tiefen Emotionen junger Menschen: zunächst bezaubert, verträumt, zukunftsfroh, glücklich, später traurig, erschüttert, frustriert.

Hürdem Riethmüller spielt die ältere Ayse sympathisch und souverän. Der bekannten Schauspielerin gelingt es mit sehr viel Einfühlungsvermögen, eine Frau zu porträtieren, die sich ihrer im besten Sinne selbst bewusst und mit ihrem Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche zufrieden ist.
Regisseur Suat Ünaldi, 1980 in Izmir geboren, lebt seit 2018 in Vorarlberg. Er lässt den Schauspielerinnen die notwendige Zeit, um den wunderbaren Text auf der von Mandy Hanke mit Bilderrahmen ausgestatteten Bühne zur Entfaltung zu bringen. Die melancholische türkische Musik und von Kundeyt Şurdum selbst gesprochene Originalaufnahmen runden die sehenswerte Produktion ab.
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