Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Aus der Engel Ordnungen

Kultur / 23.12.2022 • 19:04 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

In einer der schönsten Dichtungen deutscher Sprache, den „Duineser Elegien“ von Rainer Maria Rilke, heißt es am Anfang: „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.“ Dem gegenüber stehen erfreulichere Lichtgestalten, wie sie gerade in vorweihnachtlicher Zeit beschrieben werden, vornehmlich in der Bibel, wenn der Erzengel Gabriel zu Maria kam und sprach: „Fürchte dich nicht Maria, denn du hast Gnade gefunden bei Gott.“ (Lukas 1, 30). Und wieder trat ein Engel des Herrn auf bei der Geburt Jesu in Betlehem, diesmal bei den Hirten auf dem Felde und wieder sagte er: „Fürchtet euch nicht! Denn siehe, ich verkünde euch große Freude.“ (Lk 2, 9) Und nach der Geburt Jesu heißt es: „Plötzlich war bei dem Engel eine Menge himmlischer Heerscharen, die Gott lobten.“ (Lk 2, 13)

Von „der Engel Ordnung“ hat Rilke geschrieben – aber wie ist denn diese Ordnung? „Neun Chöre der Engel“ wurden im Mittelalter eingeteilt, neun Ordnungen also, von denen uns vor allem vier bekannt sind. Die „gewöhnlichen“ Engel, dann die Ordnung der vier Erzengel, vor allem Michael und Gabriel mit Flamme und Schwert. Dann kennen wir noch zwei Gruppen der Obersten Ordnung, die Cherubim und Seraphim. Und möchte man von Engeln nicht nur hören, sondern sie auch sehen, dann sollte man ins Südtirol in den nahen Vinschgau fahren, dort sind in der Krypta des Klosters Marienberg die schönsten Engel, die ich je gesehen habe. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts wurde die Decke dieses kleinen Raums mit zwölf Engeln bemalen – eines der größten romanischen Kunstereignisse, das wir kennen.

Engel also haben Saison, im Moment Hochsaison. Und das dachten sich auch die Verantwortlichen des Barockbaumeistermuseums in Au und baten den Künstler Tone Fink um Ideen zu zwei Engeln. Das Ergebnis sind zwei Serien von je 57 Stück (das Gründungsjahr der Auer Zunft ist 1657) aus Alabasterguss (ein Hinweis auf die Stuckateure der Auer Zunft in der Barockzeit), Engel und „Bengel“, denn „Engel tun der Seele gut, für mich haben sie etwas Berührendes, etwas Freigeistiges“, meint Fink. Es sind zwei wunderbare Wesen, die Tone Fink hier geschaffen hat, jeder einzelne Engel auch noch individuell bemalt, also trotz der Serie eigentlich ein Unikat. Dass der Erlös dieser Engel dem Museum zugute kommt, ist ein schöner Nebeneffekt und ein prächtiges Weihnachtsgeschenk nicht nur für das Museum, sondern auch für alle, die sich so einen Engel mit nach Hause nehmen. In diesem Sinne: Frohe Weihnacht!

„Engel also haben Saison, im Moment Hochsaison.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.