Im Lustspiel die Realität fokussiert

Kultur / 15.01.2023 • 20:57 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Christiani Wetter als Eve und Ingo Ospelt als Dorfrichter Adam in „Der zerbrochne Krug“ von Heinrich von Kleist. TaK/Ilja Mess
Christiani Wetter als Eve und Ingo Ospelt als Dorfrichter Adam in „Der zerbrochne Krug“ von Heinrich von Kleist. TaK/Ilja Mess

Theater am Kirchplatz bietet besondere Inszenierung von Kleists „Der zerbrochne Krug“.

Schaan Da es auf der Hand liegt, dass die sexuelle Belästigung von Frauen kein Delikt aus früheren Jahrhunderten ist, sondern je nach Machtposition des Täters auch heutzutage oft straffrei bleibt, steht das 1808 uraufgeführte Werk „Der zerbrochne Krug“ von Heinrich von Kleist nun wieder auf dem Spielplan mehrerer Bühnen. Dem Theater am Kirchplatz in Schaan bescherte die Inszenierung nun eine rappelvoll besetzte Premiere besonderen Formats. In Konstanz wurde damit die Saison eröffnet. Die Bregenzer Festspiele holen sich im Sommer die Produktion des Deutschen Theaters Berlin und am Vorarlberger Landestheater war „Der zerbrochne Krug“ fix in Planung, man disponierte ob der Präsenz des Klassikers in der Region aber um.

Das Lustspiel mit tragischem Kern in Richtung #metoo-Debatte zu spinnen, war Regisseur Oliver Vorwerk nicht genug. Im Theater am Kirchplatz erhält „Der zerbrochne Krug“ zwar nicht unbedingt Lokalkolorit, in Liechtenstein einen pekuniären Aspekt zu betonen, die Gerichtsstube jeweils eine Szene lang mit einem projizierten Christusbild und weiterer religiöser Symbolik auszustatten und die Jause in der Verhandlungspause gleich in ein regelrechtes Bankett ausarten zu lassen, nach dem nicht einmal mehr der zu Besuch weilende Gerichtsrat an der Aufklärung des Falles interessiert ist – das hat hier schon etwas.

Es führt sogar dazu, dass man gegen Ende meint, dass die Regie noch irgendwie die Kurve kratzen muss, denn bei Kleist kommt der Dorfrichter Adam, der der jungen Eve an die Wäsche wollte und ihr Schweigen mit seiner Entscheidungsmacht über die Einberufung ihres Verlobten erpresst, nicht unentlarvt davon.

Besondere Schärfe

Das heißt, dass nicht nur das Publikum sofort weiß, wer der Schuldige ist, also den Krug bei der Flucht aus der Mädchenkammer zerbrochen hat, sondern, dass fast allen ­Beteiligten an sich bald ein Licht aufgeht. Der hellste, der Gerichtsschreiber, heißt auch so und wäre fast bereit in die sich breit machende pauschale Verdunkelungsabsicht der Sache einzuwilligen. Damit weicht Vorwerk zwar vom Verlauf des sauber konstruierten analytischen Dramas ab, gibt ihm aber besondere Schärfe. Wenn die Gesellschaft die junge Eve im Regen stehen lässt, dann sieht es wirklich schlimm aus. So wird kurz und knapp, um nicht zu sagen lustvoll die Realität fokussiert: Chapeau!

Und nicht nur das. Die zentrale Positionierung von Eve in diesem durchchoreografierten Stückablauf, für den Ausstatter Alexander Grüner einen großen Tisch baute, auf dem sich poltern und triumphieren lässt und unter dem man sich wegschleichen kann, macht deutlich, dass es einzig an ihr liegt, die Sache aufzuklären. Christiani Wetter zeigt ihren inneren Kampf, ihre Verletztheit, die zeitweise Ausweglosigkeit ihrer Situation, die Entschlossenheit und zugleich ihren jugendlich offenen Blick auf die Welt in einer berührenden, sehr nahe gehenden Bündelung.

Defizite

Mögen die Windungen des Richters, sein Überlegenheitsgefühl, wenn die Vertuschung der Schuld greifbar wird, das kurze Einknicken, wenn es nicht so scheint, von Ingo Ospelt noch so fein austariert und leicht diabolisch angehaucht sein, im Zentrum stehen sie nicht mehr. Das gehört der jungen Frau, die mit einem Umfeld konfrontiert ist, in dem ihr eigentliches Anliegen als Lappalie abgetan wird.

Nicole Spiekermann lässt als furiose Marthe daran keinen Zweifel, Thomas Beck mäandert als Schreiber Licht schön zwischen Aufdeckerlust und eigener Bequemlichkeit, Sylvana Schneider verleiht dem Gerichtsrat eine gefährliche Korrumpierbarkeit, und Georg Melich versteht es, erkennen zu lassen, dass Ruprecht, der Verlobte von Eve, einer Schulung in Empathie bedarf. Am Ende wird er sie von seiner Eve erhalten.

Oliver Vorwerk lässt das Paar zusammenkommen und einer Gesellschaft entfliehen, deren Defizite der Regisseur mit Zitaten von Sophokles und Ilya Kaminsky betont. Das erhöht die Stringenz eher als die Einschübe aus der „Dreigroschenoper“, aber als überaus facettenreich und dennoch dicht hat sich diese Inszenierung von „Der zerbrochne Krug“ in der Geschichte des Theaters am Kirchplatz jedenfalls festgeschrieben.

Weitere Aufführungen vom 20. Jänner bis 1. Februar im Theater am Kirchplatz in Schaan: tak.li

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