In einer Kammer des Schreckens

Kultur / 15.01.2023 • 20:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der ungarische Bassbariton Gábor Bretz und die irische Mezzosopranistin Paula Murrihy.       <span class="copyright">mathis.studio (6)</span>
Der ungarische Bassbariton Gábor Bretz und die irische Mezzosopranistin Paula Murrihy. mathis.studio (6)

Dem SOV gelang eine beklemmend dichte Deutung von Bartóks Oper „Herzog Blaubarts Burg“.

FELDKIRCH „Das wird laut“, warnte mich ein musikkundiger guter Freund, als ich ihm von meinem bevorstehenden Besuch der konzertanten Fassung von Béla Bartóks Oper „Herzog Blaubarts Burg“ im 4. Abo-Konzert des Symphonieorchesters Vorarlberg berichtete. Der Freund hatte zwar recht. Das oftmalige dreifache Fortissimo des 85-köpfigen Orchesters war aber nur ein wenn auch wirkmächtiger Aspekt in einem Musikdrama voll Innenspannung, das zu einem Glanzpunkt in der Geschichte des SOV geriet. Ein bedrückendes, epochales Werk, das trotz seiner düsteren Anmutungen und Klangwelten in einer in diesem Ausmaß wohl nicht erwarteten Zustimmung durch das Publikum gipfelte.

„Herzog Blaubarts Burg“ ist ein Stück szenischer Tiefenpsychologie.
„Herzog Blaubarts Burg“ ist ein Stück szenischer Tiefenpsychologie.

Die 1918 im Stil des Symbolismus der Jahrhundertwende uraufgeführte einzige Oper des ungarischen Komponisten Béla Bartók basiert auf einer uralten Legende von 1700 um den Frauenmörder Blaubart, an deren mangelnder Bühnentauglichkeit im Laufe der Jahrhunderte viele Librettisten und Komponisten scheiterten. Allein Bartók gelang damit ein dauerhafter Opern-Erfolg, in dem er mit bewusster Schärfe auch zu früher Modernität und einem eigenen Stil abseits der ihm immer wieder zugedachten Nähe zur slawischen Volksmusik fand. Es ist ein Stück szenischer Tiefenpsychologie, bei dem sieben Türen in die Abgründe einer gequälten Männerseele führen und jede Türe beim Öffnen ihren eigenen Klang erhält.

Chefdirigent Leo McFall mit den beiden Sängern.
Chefdirigent Leo McFall mit den beiden Sängern.

Blaubarts Burg aber wird zusehends zu einer Kammer des Schreckens. Dabei ist dieses Werk, ganz ohne Arien, streng genommen gar keine richtige Oper, nicht mehr als ein einstündiger „szenischer Dialog“, der sich aus seinem Inneren heraus erschließt und dadurch auch keiner großen Bühne bedarf. Deshalb ist diese konzertante Version auch durchaus logisch.

Das Orchester gab unter kundiger Anleitung von Chefdirigent Leo McFall in der illustrativen Instrumentierung Auskunft über alles.
Das Orchester gab unter kundiger Anleitung von Chefdirigent Leo McFall in der illustrativen Instrumentierung Auskunft über alles.

Ein solches Unterfangen steht und fällt neben den Leistungen von Orchester und Dirigenten vor allem mit der Besetzung der beiden Gesangspartien, die ins hoch dramatische Wagnerfach reichen, von Bartók bewusst mit zwei Protagonisten der mittleren Stimmlagen besetzt. Den ungarischen Bassbariton Gábor Bretz kennt man als Titelhelden aus Massenets Oper „Don Quichotte“ 2019 bei den Festspielen, der nun auch die enorm fordernde Rolle des Herzogs Blaubart stimmlich und mimisch großartig mit fast beängstigender Dämonie ausstattet. An seiner Seite ebenbürtig der irische Mezzo Paula Murrihy als Blaubarts liebende Frau Judith, deren Annäherungsversuche zwischen Verehrung und Verzweiflung bei Blaubart an einer Mauer aus Arroganz und Zynismus abprallen.

Das Vorarlberger Symphonieorchester begeisterte das Publikum.
Das Vorarlberger Symphonieorchester begeisterte das Publikum.

Sie wird schließlich selbst Teil des grauenvollen Ganzen, landet wie ihre Vorgängerinnen in der siebten Kammer, wo ewige Nacht herrscht. Das Werk wird mit deutschen Übertiteln in ungarischer Originalsprache gesungen, die sich die Sängerin eigens über einen Coach angeeignet hat. Das Orchester gibt unter kundiger Anleitung von Chefdirigent Leo McFall in der illustrativen Instrumentierung Auskunft über alles, was dabei ungesagt bleibt und zeigt sich dabei auf einer fabelhaften Höhe seiner Kunst.

Das oftmalige dreifache Fortissimo des 85-köpfigen Orchesters erfüllte den Saal.
Das oftmalige dreifache Fortissimo des 85-köpfigen Orchesters erfüllte den Saal.

Als wohlklingende Ouvertüre wird „Blaubart“ mit der Suite „Pohádka“ („Märchen“) ein 20 Jahre zuvor entstandenes Werk des böhmischen Komponisten Josef Suk vorangestellt. Mit einem traumhaften Solo von Konzertmeister Pawel Zalejski als „Erzähler“ blüht diese Musik wie ein heller Frühlingsmorgen herauf, bevor sich die Szenerie in einer Trauermusik verdüstert und dann in Wohlgefallen auflöst.

Fritz Jurmann

5. Abo-Konzert des SOV:

15. April, 19.30 Uhr, Montforthaus Feldkirch

16. April, 17.00 Uhr Festspielhaus Bregenz

Werke von Bach, Webern, Beethoven (Leitung und Violine: Alexander Janiczek)

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