Vivienne Westwood, ­Rebellin der Mode

Kultur / 17.01.2023 • 18:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Am 31.12. starb Vivienne Westwood, die Ikone des Punks und Rebellin der Mode. Provokation war ihr Leben: Sie revolutionierte die Mode durch den Punk, kreierte Sadomaso-Monturen für die Sex Pistols, protestierte gegen die Umweltpolitik und ausufernden Konsum der westlichen Welt, demonstrierte auf einem weißen Panzer vor dem Haus des englischen Premiers Cameron gegen das Fracking zur Erdgas-Gewinnung und inszenierte sich nackt für den Starfotograf Juergen Teller.

1941 in Derbyshire als Kind einer Arbeiterfamilie geboren, ging sie ohne nennenswerte Ausbildung nach einer gescheiterten Ehe blutjung ins Swinging London. 1967 lernte sie den Kunststudenten Malcolm McLaren kennen, mit dem sie 1971 ihren legendären Secondhand Shop in der Kingsroad unter dem Namen „in the back in the paradise garage“ eröffnete. Heute klingen die verschiedenen Namen des Shops geradezu nach einem Programm für ihr weiteres Leben: „Let it Rock“, „To fast to live to young to die“, bis zuletzt „Worlds End“. Gewinn und Ökonomie spielten da keine Rolle, verkauft wurde Zeitgeist und Revolte. Ihre Vision war wie Sex Pistol Gründer McLaren es einst zusammenfasste „ein großartiges Scheitern und das Establishment zu stürzen“. Mit ihrer kurzen Stachelfrisur und eingefärbten Haaren wurde sie bald zur Punkikone. So gingen the angry Young men and girls, Londons Underground, von Punks über Teddyboys bis Rock and Rollers, in Ihrem Laden ein und aus.

Als der Nachschub für Vintage Ware langsam ausging, war das ihr Startschuss selbst Kleider zu machen. Als Autodidaktin trennte sie Kleider auf, studierte Stoffe und Designs, setzte sie neu zusammen, kopierte, dekonstruierte und belebte Tradition neu. Legendär wurde ihr erstes Defilee 1981 „Pirates collection“. Ihr postmodernes Spiel mit Modecodes vom Barock bis in die Roaring Sixties machten sie schlagartig berühmt. Die Neudefinition von Schönheit, die Auflösung der Geschlechtergrenzen und das Spiel mit den Proportionen des Körpers, Reifröcke, Mieder und Rüschen wurden ihr Markenzeichen. Hosen im Schottenkaro oder aus dem Union Jack Reißverschlüsse auf Brüsten und im Schritt, T-Shirts mit Queen und Schnurrbart waren unverkennbar Westwood, provokant, schräg und voll britischem Humor.

Geld sah sie allenfalls als Mittel zum Zweck, nämlich aufwendige, außergewöhnliche Kleidung zu entwerfen, mit Marketing oder Business konnte sie wenig anfangen, dafür umso mehr mit Chaos, Anarchie und ungehemmter Kreativität. So war auch ihr Bankrott Anfang der 80er Jahre nur eine kurze Atempause zum Welterfolg. Dabei stand ihr die große Liebe, der um 25 Jahre jüngere Tiroler Andreas Kronthaler, zur Seite, den sie als Studenten während ihrer Gastprofessor auf der Wiener Angewandten kennenlernte. Mit ihm begann auch die wirtschaftliche Stabilisierung und internationale Expansion des Modeunternehmens.

In den letzten Jahren widmete sie sich immer mehr ihrem Kampf gegen Klimawandel, Turbokapitalismus, Ausbeutung und Atomwaffen. Was ihre Mode und ihr Leben so einzigartig machten, ist die Dialektik zwischen Leben und Kunst, Ironie und Provokation, Destruktion und Tradition und Anpassung und Revolte. In der großartigen Doku “Westwood: Punk, Ikone, Aktivistin“ meinte sie: „Ich fühlte mich wie ein Ritter, der in die Schlacht zieht.“ Viviane Westwood hat sie bravourös geschlagen.

„Die Neudefinition von Schönheit, die Auflösung der Geschlechtergrenzen und das Spiel mit den Proportionen des Körpers, Reifröcke, Mieder und Rüschen wurden ihr Markenzeichen.“

Gerald Matt

gerald.matt@vn.at

Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.

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