Brüche, die das Leben malt

Kultur / 19.01.2023 • 16:20 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
„Ca[SO4]·2H2O1“ lautet der kryptische Titel der Ausstellung Manfred Egenders.    <span class="copyright">Thomas Schiretz (5)</span>
„Ca[SO4]·2H2O1“ lautet der kryptische Titel der Ausstellung Manfred Egenders. Thomas Schiretz (5)

Manfred Egender präsentiert Werkquerschnitt im Kunstraum Remise Bludenz.

Bludenz Das beginnende Jahr 2023 bringt einige Neuerungen für die „Galerie allerArt“ in Bludenz. Nicht nur, dass der Name in „Kunstraum Remise“ geändert wurde, es stand auch ein Kuratorenwechsel an. Nach drei Jahren Kuratorentätigkeit macht nun Manfred Egender Platz für seine Nachfolgerin Luka Jana Berchtold und ein ungeschriebenes Gesetz des Vereins allerArt ist, dass der Vorgänger einer neuen Kuratorenschaft mit einer Einzelausstellung geehrt wird.

„senza titolo“ 1994 Acryl auf Gips.
„senza titolo“ 1994 Acryl auf Gips.

„Ca[SO4]·2H2O1“, so der kryptische Titel der Ausstellung Egenders. Dabei handelt es sich um eine chemische Formel, die nichts anderes als „Calciumsulfat-Dihydrat“ oder einfach gesagt „Gips“ bezeichnet.

Untitled 2021 Acryl und Pastell auf Gips.
Untitled 2021 Acryl und Pastell auf Gips.

Gips hat die Eigenschaft, dass er sich leicht verarbeiten lässt. Pulverförmig, flüssig, fest und nahezu weiß. Zweifelsohne verleihen die von Manfred Egender ausgesuchten Bildträger (MDF, Rigips, Gips, in anderen Fällen auch PVC, Silikon, Industriegummi) seinen Werken einen skulpturalen Charakter und in Egenders Bearbeitung verlassen sie die konventionelle Vorstellung von Bild und Rahmen, Begrenzungen werden aufgehoben und verweisen auf Uferloses oder den Raum dahinter. Verschmelzungen werden assoziiert, aber an deren Ränder werden Irritationen wahrnehmbar, beeinträchtigen den gewohnten Lesefluss und lassen verunsichern.

V.l.n.r.: Ohne Titel 1992 Acryl auf Gips, O.T. 1997 Acryl und Bleistift auf Gips, O.T. 1997 Acryl und Pastell auf Gips.
V.l.n.r.: Ohne Titel 1992 Acryl auf Gips, O.T. 1997 Acryl und Bleistift auf Gips, O.T. 1997 Acryl und Pastell auf Gips.

„Schönfärberei ist langweilig“

Für Manfred Egender ist das Skulpturale seiner Arbeiten wichtig, dennoch, relevanter ist für ihn die Oberfläche. Die Brüche, die Schrunden, die Aussparungen, die Balance zwischen Höhen und Tiefen und deren Überwindung. Der optische Reiz, die Wahrnehmungsirritation dieser linear horizontal, manchmal auch vertikal angelegten Brüche wird manifest und wird für Egender zu einer Lebensmetapher. „Schönfärberei ist langweilig“, sagt er. Das Leben ist kein Ringelspiel. Die Schrunden, die Verletzungen, die Brüche, die Stille, die Leere – im Leben – sind genauso wichtig wie das scheinbar linear verlaufende Leben selbst. „Nur der geöffnete Körper schafft Heil“, so der Historiker und Theologe Thomas Lentes.

Ohne Titel 1996 Acryl auf Gips.
Ohne Titel 1996 Acryl auf Gips.

Für Manfred Egender stellt der gezeigte Werkquerschnitt einen „geschlossen bildnerischen Kosmos“ und wie er es nennt, seine „Lyrik“ dar. Im Gegensatz zur „Prosa“, das sind jene Arbeiten Egenders, die durch integrierte Schrift- und Textelemente strukturiert sind. Manfred Egenders Arbeiten sind genuin, befreien von Mythen, sind erfrischend originär und haben „artistic backbone“ (Rückgrat) in einer Zeit, in der Beliebigkeit zum Idol erhoben wird. Chapeau!

Thomas Schiretz

Manfred Egender: „Ca[SO4]·2H2O1“

Kunstraum Remise, Raiffeisenplatz 1, 6700 Bludenz

Bis 26. Februar 2023

www.allerart-bludenz.at/kunstraum-remise

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