Blüten der Finsternis im Künstleralltag

Kultur / 20.01.2023 • 17:31 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Lento ViolentoMaria Muhar, 205 Seiten, Kremayr & Scheriau

Lento Violento

Maria Muhar, 205 Seiten, Kremayr & Scheriau

Jung sein ist nicht immer einfach, vor allem, wenn man darüber Bücher schreibt.

SCHWERMUT Künstler-WGs sind sehr eigen. Hier wird viel gedacht, gearbeitet, gehofft und gefeiert. Gearbeitet vor allem um wenig Geld, weil junge Kunst sich eben schwer verkauft, dazu befindet man sich mitten in der Selbstfindung. So zu lesen in Maria Muhars Roman „Lento Violento“. Ruth, Alex und Daniel leben in einer WG und ­schreiben. Im Inneren sind sie bereits Schriftsteller, die Welt weiß nur noch nichts davon. So schlägt man sich durch schlecht bezahlte Jobs, Arbeitsamt und Therapietermine. Das klingt jetzt nicht sehr euphorisch, soll es auch nicht sein, die Autorin spricht hier die Depressionen deutlich an, von denen die drei mehr oder minder betroffen sind, also keine in Künstlerkreisen gerne gespielte Melancholie, sondern astreine Schwermut.   

Feingewobene Literatur

Diese Schwingungen sind jedoch in Muhars Fall der Einstieg in eine schöne, feingewobene Literatur. Schreiben, oder der Drang ­schreiben zu wollen, hat eben oft viel mit einer unebenen Seelenlage zu tun. Die Autorin verfasst einen Roman in kleinen Episoden, in denen Tageseindrücke aus der Sicht der Protagonisten verarbeitet werden. So beleuchtet die Autorin Wien und macht ihre düstere Welt zur literarischen Bühne im UV-Licht. Dazu schreibt sie feine Loops, also Passagen, die sich fast identisch wiederholen, wo wir bezüglich der Loops nun beim Subtext des Romans anlangen, der elektronischen Musik der 1990er-Jahre, der sind die drei nämlich verfallen. Dabei ist es ein Blick zurück, denn der Roman spielt in der Gegenwart.

Die Musik kommt in Form von Zwischentexten als Zitat diverser Lieder oder Erklärungen bezüglich dieser jetzt zugegeben nicht gerade neuen Strömung zur Geltung. Es geht um den Beginn der Rave-Kultur, der sich unter anderem in dem Genre „Eurodance“ manifestierte, den harten Beats der 1990er-Jahre. Das geht jetzt im schlimmsten Falle in Richtung Ö3-Techno mit Scooter oder U96. Für Ruth, Alex und Daniel sind die Dance-Beats eine Art Therapie, mit der sie ihr Leben besser im Griff haben können. Maria Muhars literarische Blüten der Finsternis treffen quasi auf H.P. Baxxters Stromschocks, die in Fusion erstaunlich interessante Funken schlagen.

Studentenalltag der Generation Y

Auch in Gerald Hoffmanns Roman „Ich hasse meine Freunde“ leben die Studenten Julian, Thilo und Sonny in einer WG. Dabei erleben die drei Freunde gemeinsam mit ihrem Kumpel Malik den typischen Studentenalltag: bis in die frühen Mittagsstunden schlafen, regelmäßig in ihrer Lieblingskneipe Chelsea abstürzen, Beziehungsprobleme à la Generation Y und gelegentlich für Prüfungen strebern. Zusätzlich betreiben sie ein Nebengeschäft: Sie verkaufen Federpennale und Bücher versehen mit Cannabis, während des Bücherflohmarkts in der Aula der Universitäts-Bibliothek.

Der große Traum der vier Freunde ist es, den in Bad Gastein leerstehenden Hotelkomplex, in den sie als Teenies eingebrochen sind, zu kaufen, in einen Achtsamkeits-Tempel für die Generation Y zu verwandeln und ihn „Bernadette“ zu taufen. Doch auf einmal überschlagen sich die Ereignisse: Julian zweifelt, ob das Jus-Studium die richtige Wahl war und geht, anstatt eine wichtige Prüfung zu schreiben, mit dem Tour-Manager Guido gemeinsam auf eine Konzertreise. Und ausgerechnet dann stirbt auch noch Malik, der mit seinen Bitcoin-Anlagen einen großen Teil des Hotels finanzieren wollte. Fällt nun das Bernadette ins Wasser? Wenngleich der Roman an manchen Stellen gewollt studentisch wirkt, gelingt es Hoffmann mit Humor, dem Zeitgeist der Mittzwanziger ein Porträt zu erstellen.

Ich hasse meine FreundeGerald Hoffmann, 384 Seiten, KiWi

Ich hasse meine Freunde

Gerald Hoffmann, 384 Seiten, KiWi

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