„Fidelio“ als Opernkrimi

Kultur / 07.07.2024 • 15:40 Uhr
„Fidelio“ als Opernkrimi
Die rund 50 Musikerinnen und Musiker des diesmal als Opernorchester besetzten Klangkörpers spielen seit 2021 zusammen, diese Aufführung war die achte Produktion der Reihe. lukas grabher

Tobias Grabher führte seine „Camerata Musica Reno“ mit Beethoven zum Triumph.

von Fritz Jurmann

Bregenz Es war ein ebenso mutiger wie konsequenter Schritt, mit dem der Orchesterleiter und Musikvermittler Tobias Grabher seiner jungen „Camerata Musica Reno“ erstmals den Kontakt mit dem Opern-Genre ermöglicht hat. Im vierten Jahr war diese Öffnung einfach fällig und eine Herausforderung, die von den Youngsters gerne angenommen und auf Anhieb auch mit Bravour bewältigt wurde. Mehr noch: Mit dieser glänzenden Idee geriet diese achte Produktion zu einem Markstein der Konzertreihe, einem besonders intensiven Erlebnis, das in drei Vorstellungen am Wochenende im jeweils ausverkauften Theater Kosmos begeisterte Fans und Freunde von den Sitzen riss.  

„Fidelio“ als Opernkrimi
Großartiger Höhepunkt des Abends war das Quartett aus dem 2. Akt der Oper Fidelio mit den vier Gesangssolisten des Opernstudios der Wiener Staatsoper, v.l.n.r. Simonas Strazdas, Bass (Rocco), Jenni Hietala, Sopran (Leonore), Ejnar Colak, Bariton (Pizarro) und Lukas Schmidt, Tenor (Florestan). lukas grabher

Beethoven sollte es sein, doch mit dessen einziger großer Oper „Fidelio“ als gewaltigem Brocken wäre sein Orchester wohl noch überfordert gewesen. So wollte Grabher fürs Erste einmal kleinere Brötchen backen und ersann mit eineinhalb Beethoven-Werken eine packende Kurz-Dramaturgie, die in genauem Kalkül von knapp zwei Stunden auch genau die rechten zeitlichen Dimensionen hatte und weder Musiker noch Publikum überforderte. Es ging dabei weniger um die Stücke selber, sondern um den Überbegriff der Befreiung und der gerade heute viel strapazierten Freiheit an sich – Beethovens Ideal. Diese hehre Klammer verbindet dessen Schauspielmusik zu Goethes „Egmont“ mit seiner einzigen Oper „Fidelio“. Da gibt es schon von der Handlung her viel Spielraum zum Nach- und Mitdenken, zwischen der gescheiterten Befreiung in Goethes Trauerspiel und dem Ausgang in „namenloser Freude“ bei „Fidelio“.   

„Egmont“ mit den von Hubert Dragaschnig erfreulich unpathetisch gesprochenen Deklamationstexten von Grillparzer und Goethe bereitet das Terrain, doch ist das diesmal rund 50-köpfige Opernorchester für Beethovens hohe Ansprüche im Premierenfieber noch nicht ganz auf Betriebstemperatur. So krankt die berühmte Ouvertüre, die in vielen Abschnitten schon fast die ganze Geschichte erzählt, an kleinen Unebenheiten, hat noch nicht den notwendigen Fluss und die Spannung. Das gibt sich aber sehr bald.  

„Fidelio“ als Opernkrimi
Blutjung wie die meisten der Akteure ist auch die Konzertmeisterin des Orchesters, Teresa Wakolbinger (links). lukas grabher

Dafür wird der auf eine Reader’s Digest-Version eingedampfte zweite Akt von „Fidelio“ zum Top-Ereignis des Abends. Mit verantwortlich ist, dass es Tobias Grabher gelungen ist, das Opernstudio der Wiener Staatsoper für sein Projekt zu gewinnen, wo junge Erwachsene nach ihrer Ausbildung noch den letzten Schliff für die Praxis auf der Opernbühne erhalten. Vier herausragende Protagonisten von dort machen diese Vorlage zum spannenden Opernkrimi, und man hätte sich das so mitreißend singende und agierende Quartett qualitativ gut und gerne auch auf der Seebühne vorstellen können. So staunt man über die Kompetenz ohne Wenn und Aber in der Bewältigung einer Mörderpartie wie der Leonore durch die stimmgewaltige, in ihrer dramatischen Attacke und Bühnenpräsenz trotz einer aktuellen Fußverletzung beeindruckende finnische Sopranistin Jenni Hietala. Der deutsche Tenor Lukas Schmidt ist als Florestan eine glaubhafte Figur, kleinere stimmliche Schwächen in der Höhe steckt er routiniert weg. Der litauische Bass Simonas Strazdas trumpft als Rocco mit seinem prachtvollen Bass auf, der bosnische Bariton Ejnar Colak als Bösewicht Don Pizarro ergänzt die Sängerbesetzung.  

„Fidelio“ als Opernkrimi
Zum ersten Mal seit der Gründung seines Orchesters Camerata Musica Reno hat der Dirigent Tobias Grabher mit Werken von Beethoven das Genre Oper erobert – durchaus mit Erfolg. lukas grabher

Das hat man sich in einer Art Werkstattcharakter gemeinsam unter Anleitung der jungen iranisch-amerikanischen Regisseurin Mahour Arbabian als einfache Inszenierung erarbeitet, die durchaus ihren Reiz hat, auch wenn sie nur die Handlung klarmacht. Eine kluge Entscheidung, auch weil sie dem Zuseher genügend Spielraum für seine Fantasie bietet und Kosten spart. Die vertraute, auch diesmal hoch motiviert aufgestellte junge Orchesterbesetzung, angeführt von Konzertmeisterin Teresa Wakolbinger, bewältigt die gestellten Aufgaben nun mit höchster Präzision und feiner Artikulation auf Hochleistungsniveau. Dirigent Tobias Grabher, für den dieses Genre ebenfalls Neuland bedeutet, ist erneut ganz der junge, elegante Maestro, der seinem Beethoven ordentlich Zunder gibt. Der Jubel der „Leonoren-Ouvertüre Nr. 3“ mündete in die Begeisterung des Publikums.