Laien können Anzeichen nicht sehen

Leserbriefe / 25.11.2012 • 21:24 Uhr / 2 Minuten Lesezeit
VN-Artikel vom 24. November 2012.
VN-Artikel vom 24. November 2012.

Schade, dass Herr Haller die „gute und liebevolle Familie aus dem aufstrebenden schwäbischen Mittelstand“ so sieht, wie es hier beschrieben wird. Oder ist die VN-Redaktion für diese Verharmlosung und die auf mich wenig differenziert wirkende Sichtweise verantwortlich? In welcher Art „haben sich die Eltern sehr um ihre Kinder gekümmert“? Muss es immer das „übliche Bild der bösen Mutter und des abwesenden Vaters“ sein? „Ein bisschen flapsig, mit Kontaktproblemen“, war da wirklich nichts Besonderes? Enttäuscht von der Welt, mit Minderwertigkeitsgefühlen, und Fantasien wie „mich mag keiner, euch werd’ ich es zeigen“ sind deutliche Hinweise auf eine Selbst- bzw. Selbstwertproblematik mit verborgenen Konflikten. Leider ist in unserer Gesellschaft und auch in der Fachwelt zu wenig bekannt, wie sich schwere Scham­probleme und entsprechende Konflikte gerade unter dieser Normalität und Unauffälligkeit verbergen können. Der Hinweis, dass dies auf 100.000 deutsche Schüler zutrifft, ist eher ein ernst zu nehmendes Warnzeichen und sollte auf keinen Fall der Beschwichtigung dienen, wie es hier geschieht. Die Normalität selber kann ein Hinweis sein, dass sich darunter Gleichgültigkeit, Einsamkeit, Leere und Kälte verbergen können. Die Not und die Hilferufe des jungen Mannes wurden offensichtlich nicht gehört oder nicht als solche verstanden, weil die Scham zur Sprachlosigkeit führt. Ein Vater muss deshalb vielleicht nicht unbedingt schuldig gesprochen werden, aber in der Presse brauchen wir diese Aufklärung dringend.

Wolfram Kölling, Dipl.-Psychologe, Postfach 3342, Lindau