Arbeitslosigkeit und Bettelei vor 80 Jahren

Leserbriefe / 02.11.2015 • 18:19 Uhr / 2 Minuten Lesezeit
Das Betteln um Almosen führt zu zahlreichen ­Diskussionen.  APA/Gindl
Das Betteln um Almosen führt zu zahlreichen ­Diskussionen. APA/Gindl

Als in den Jahren nach 1930 die Arbeitslosigkeit in Österreich ein drastisches Ausmaß angenommen hatte und der sogenannte „Freiwillige Arbeitsdienst“ bei der Regulierung von Flüssen, z. B. der Ill, nur notdürftig Linderung der großen Not verschaffte, bildeten sich, so weit meine Erinnerung an den Raum Feldkirch, ganze Scharen von bettelnden Menschen ohne Arbeit, die von Haus zu Haus zogen und einander buchstäblich die Türklinke in die Hände drückten – und meist, wo man es hatte, ein Fünf- oder Zehn-Groschen-Stück erhielten. Erwerbslose Jugendliche verzogen sich auf Ski- und Alphütten, wo sie von guten Menschen mit Brot, Mehl, Kartoffeln usw. versorgt wurden. Andere junge Burschen ohne Aussicht, irgendwo einen Arbeitsplatz zu bekommen, zogen weiße Hemden an und marschierten kolonnenweise protestierend und singend durchs Land. Vierzig- und fünfzigjährige Handwerker ohne Aufträge folgten dem Ruf nach Beschäftigung ins benachbarte Allgäu oder Schwabenland, wo sie als Fachkräfte sehr begehrt waren. Sie kehrten nur an Wochenenden zur Familie zurück. Ihre Frauen, meist mit vier und mehr heranwachsenden Kindern gesegnet, hatten die ganze Last des Haushalts zu tragen und oft noch eine kleine Landwirtschaft mit einer Kuh und einem oder zwei Schweinen und mehreren Hühnern zu versorgen. Zum Essen war genug da, meist aber kein Geld.

Martin Frick,
Negrellistraße 5,

Rankweil