Zeitlich gedehnter Amoklauf?

28.07.2016 • 16:17 Uhr / 2 Minuten Lesezeit
VN Bericht vom 27. Juli 2016.
VN Bericht vom 27. Juli 2016.

Während die Guillotine ­unzählige Unschuldige
mordete, waren die französischen Irrenhäuser voller Kranker, die behaupteten, kein Haupt zu haben. Was außenpolitisch geschah, wurde innen von den Patien­ten spiegelartig, individuell­ „übersetzt“, als ob ein Faden zwischen außen und innen gespannt gewesen wäre. ­Worin besteht der Unterschied zwischen dem psychisch kranken Amokläufer von München und einem gefährlichen Erdogan, der seine Nation in einen langgezogenen Amoklauf treibt? Größenwahn, Aggressionspotenzial und negativer Narzissmus haben beide „Patienten“ gemeinsam. Bei der Euphorie, Herr über alles zu sein, scheiden sich jedoch ihre Wege. Der erste begeht Selbstmord, der zweite nicht – fehlt ihm etwa das Gewissen, das ihn schuldig spricht? Unvorhersehbar sind die Absichten des ersten. Jene des zweiten sind derart offenkundig, dass das Drama bereits begonnen hat; daher können Maßnahmen im Vorhinein getroffen werden. Hitler wurde von Amerika­ und England in jeder Hinsicht unterstützt, als er seine Diktatur aufbaute. Man sah in ihm das Bollwerk gegen die kommunistische Gefahr. Nun ist Erdogan das angebliche Bollwerk gegen den Flüchtlingsstrom und den IS-Terror. Politiker und Bürger stehen vor einem gewaltigen Dilemma: Sollen wir verlegen berechnend und tolerierend zuschauen, wie Menschenrechte offiziell mit Füßen getreten werden, oder doch lieber im Migrations­strom tapfer beinah ertrinken?

Marie-Thérèse Mercanton, Oberer Illrain 33c, bludenz