Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Fake News

01.07.2019 • 10:55 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wahlkampf ist, auch wenn Sebastian Kurz das Gegenteil behauptet und etwas von „Vorwahlkampf“ oder so ähnlich daherfaselt. Die in Kürze mit den Stimmen von ÖVP und FPÖ gemeinsam (öha!) beschlossene Steuerreform hat natürlich rein gar nichts mit einem Wahlzuckerl zu tun. Wahlkampf ist! Das bedeutet – um wieder einmal Michael Häupl zu strapazieren – eine Zeit fokussierter Unintelligenz. Dazu zähle ich auch die immer mehr zunehmenden Versuche, mit Fake News beim Wahlvolk zu punkten, also mit vorgetäuschten Nachrichten, mit denen man die Öffentlichkeit manipulieren will. Die letzten Präsidentenwahlen in den USA wurden so beeinflusst und ohne Fake News hätte es vermutlich kein Brexit-Votum gegeben. Der Obertäuscher Boris Johnson versucht ja wieder, mit Fake News Premierminister zu werden. Na ja, beim SPÖ-Berater Tal Silberstein ging das mit den Fake News gründlich in die Hosen. Der hatte in Wien ein Büro aufgebaut, das Schmutzkampagnen geplant und durchgeführt hat. An den Folgen knabbert die SPÖ heute noch.

„Die letzten Präsidentenwahlen in den USA wurden so beeinflusst und ohne Fake News hätte es vermutlich kein Brexit-Votum gegeben.“

In der letzten Woche haben wir uns aber auch an getürkte Nachrichten erinnert, die vor dreißig Jahren um die Welt gegangen sind, und die eine unglaubliche, positive Eigendynamik entwickelt haben. Ich meine die Bilder, auf denen der österreichische Außenminister Alois Mock mit seinem ungarischen Amtskollegen Gyula Horn den Eisernen Vorhang durchgeschnitten hat. Keine Fake News wie heute, aber doch getürkt. Wie der damalige ungarische Premier Miklós Nemeth im ORF-Report berichtet hat, war der marode Grenzzaun aber schon Wochen vorher abgebaut worden. Für den Fototermin mit Mock und Horn wurden 250 Meter Zaun wieder aufgebaut, um dann wieder mediengerecht durchgeschnitten zu werden. „Die Kraft dieser Bilder hat der symbolischen Geste erst ihre ‚(Welt)politische Wertigkeit‘ verliehen“, nennt das heute Mocks seinerzeitiger Pressesprecher Gerhard Ziegler. Denn auch im damals geteilten Deutschland sah man die Bilder vom Grenzabbau. Tausende DDR-Bürger brachen zu einem „Urlaub“ nach Ungarn auf, um danach in den Westen zu fliehen.

Figls Radio-Rede

Auch ein anderes Zeit-Dokument, an das sich die Österreicher gelegentlich erinnern, ist getürkt, nämlich die Radiorede von Bundeskanzler Figl am Weihnachtstag 1945: „Ich kann Euch zu Weihnachten nichts geben. Ich kann Euch für Euren Christbaum, wenn Ihr überhaupt einen habt, keine Kerzen geben, kein Stück Brot, keine Kohle zum Heizen. Wir haben nichts.“ Doch Figls Rede wurde damals nicht aufgezeichnet. 20 Jahre später war der todkranke Figl im Landesstudio Niederösterreich, um sich als Landeshauptmann zu verabschieden. Der ORF-Mitarbeiter Ernst Wolfram Marboe bat Figl, die Weihnachtsbotschaft von 1945 nochmals ins Mikrofon zu sprechen. Figls Appell („Glaubt an dieses Österreich“) hat 1945 seine Wirkung nicht verfehlt. Wir können, etwa auf Youtube, die ganze 21 Sekunden dauernde Rede nachhören. Sie könnte uns bei dem bevorstehenden Wahlkampf-Gezänk daran erinnern, dass es für Österreich einmal um viel elementarere Fragen gegangen ist, nämlich ums Überleben. Nach vielen Jahrzehnten Friedensprojekt Europa sei es gestattet, Figls Worte zeitgemäß abzuändern: „Glaubt an dieses Europa!“

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.

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